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Was ist Ammoniumnitrat? : Ein Granulat mit großer und dunkler Vergangenheit

Ein von der Explosion verletztes Kind wird von einem Mann durch die Innenstadt von Beirut getragen. Bild: dpa

Warnungen gab es genug: Ammoniumnitrat, das als Grundstoff für Mineraldünger seit einem Jahrhundert megatonnenweise um die Welt transportiert wird, darf man nicht ungeschützt liegen lassen.

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          „Brennbarer Salpeter“ – das ist eine sehr deutsche Bezeichnung für die Substanz, die mutmaßlich zu der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut geführt hat. Ammoniumnitrat kann Leben bedeuten und eben auch Tod. Denn die Chemikalie, die seit Jahr und Tag als farbloses und billiges Granulat im Megatonnenmaßstab gehandelt wird, ist der Grundstoff sowohl für Dünger wie für Sprengstoff. Wie eng beides chemisch gesehen miteinander verknüpft ist, weiß man hierzulande nur zu gut: Das von den späteren Nobelpreisträgern Fritz Haber und Carl Bosch vor mehr als hundert Jahren entwickelte Verfahren zur Synthese von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff lieferte gewissermaßen die chemische Steilvorlage für den weltweiten Aufbau einer Dünger- und auch einer neuen Sprengstoffindustrie. Denn das Ammoniak-Gas bildet unter bestimmten Bedingungen, wenn es in die Tanks mit Salpetersäure eingeblasen wird, durch die chemische Neutralisation der Säure das Ammoniumnitrat. Dieses wird, zu Kristallen getrocknet und in Säcken verpackt, als festes Granulat gehandelt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dem Pulver sieht man die latente Explosionsgefahr, die dem Gemisch innewohnt, nicht an. Den Regularien aber sehr wohl, zumindest in Deutschland und anderen Ländern: Ammoniumnitrat fällt unter das Sprengstoffgesetz und darf nur mit entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen – oder durch Zusatz anderer Stoffe wie Kalk im „Blaukorn“-Dünger – gelagert werden. Was das Ammoniumnitrat so explosiv macht, ist seine unter bestimmten physikalischen oder chemischen Bedingungen fast beispiellose Reaktionsfreudigkeit: Der Übergang vom festen Granulat in seine gasförmigen Produkte (Wasser, Stickstoff und Sauerstoff) geschieht so schnell und mit einer solchen Gewalt, wie man es nur für wenige andere Sprengstoffe kennt. Ein Kilo Ammoniumnitrat dehnt sich blitzartig zu einem Gasvolumen von fast tausend Liter aus. Eine gewaltige Druckwelle wird so ausgelöst.

          In Beirut sollen ungefähr 2750 Tonnen, sprich: mehr als zweieinhalb Millionen Kilogramm Ammoniumnitrat, gelagert worden sein. Ob allerdings das gesamte Material tatsächlich explodiert ist, weiß man noch nicht – wie auch die alles entscheidende Frage nach dem eigentlichen Auslöser der gewaltigen Ammoniumnitrat-Explosion. Sekunden vor der Hauptexplosion sollen jedenfalls nach Augenzeugenberichten kleinere Explosionen vorausgegangen sein, die den entscheidenden Funken gelegt haben könnten.

          Das gefährliche des in so großen Mengen gelagertem Ammoniumnitrats sind die temperaturabhängigen Phasenübergänge des Granulats. Ammoniumnitrat kann sich nämlich auch als Feststoff bei definierten Temperaturänderungen verändern. So kann es sich auch quasi in größeren Mengen von allein verdichten. Sind drei Bedingungen erfüllt, steigt die Gefahr einer Selbstzündung: hohe Temperaturen, die Bildung einer Art Ummantelung durch Verdichtung, die den Druckaufbau im Innern des Ammoniumnitrat-Lagers begünstigt, sowie unter Umständen der Zusatz von leicht brennbarem Material – Treibstoff etwa oder Öl. Ob solche Bedingungen in dem Hafenlager in Beirut mit den seit sechs Jahren gelagerten Granulatsäcken erfüllt waren, weiß heute keiner. Möglicherweise werden die Ermittlungen Hinweise finden.

          Die Aussichten auf vollständige Aufklärung sind allerdings nicht unbedingt rosig. Denn nach fast hundert Jahren Katastrophenerfahrung mit Ammoniumnitrat lässt sich vor allem eines sagen: Die Explosionen sind fast immer so gewaltig, dass die Rekonstruktion extrem schwer wird. Und wo keine Klarheit herrscht, da schießen Gerüchte und Theorien ins Kraut, speziell in einem verschwörungsanfälligen Umfeld. Nach einer der Beiruter Katastrophe ähnlichen Ammoniumnitrat-Explosion im französischen Toulouse war das besonders augenfällig. Damals, am 21. September 2001 – zehn Tage nach dem 9/11-Terror – waren in der Düngemittelfabrik AZF am Stadtrand von Toulouse mutmaßlich mehrere hundert Tonnen Ammoniumnitrat eines „Nitrat-Silos“ explodiert. Mindestens 31 Menschen starben, Tausende in den angrenzenden Stadtteilen wurden durch die enorme Druckwelle und herumfliegende Splitter verletzt. Vom Ausmaß und der Genese her vielleicht noch vergleichbarer ist die sogenannte Texas-City-Explosion von 1947. Damals explodierten im Hafen zwei mit Ammoniumnitrat beladene Frachter, es gab mehrere hundert Tote und Vermisste und mehr als achttausend Verletzte.

          Die schreckliche „Mutter“ aller Ammoniumnitrat-Unglücke freilich ereignete sich offenbar schon 1921 – auf den Tag genau achtzig Jahre vor dem Unglück von Toulouse – im Ludwigshafener Stadtteil Oppau in der Stickstofffabrik der BASF, und damit in der Haber/Bosch-Wiege der Ammoniumnitrat-Produktion. Sie  wird bei Wikipedia ausführlich als „eine der größten Explosionsschäden der Geschichte“ beschrieben, 559 Menschen wurden demnach getötet, fast zweitausend verletzt. Die Explosion in Ludwigshafen soll bis in das dreihundert Kilometer entfernte München zu hören gewesen sein. 

          Korrekturhinweis: In einer früheren Version haben wir die falsche Menge an vermutetem Ammoniumnitrat genannt. Wir haben den Fehler korrigiert. In Beirut sollen ungefähr 2750 Tonnen Ammoniumnitrat gelagert worden sein.

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