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Amazonas-Abholzung : Europas Spiel mit dem brasilianischen Feuer

Feuer im brasilianischen Amazonasbecken. In diesem Jahr brennt auch das Pantanal, eines der größten Feuchtgebiete der Welt. Bild: dpa

Ein Amazonas-Forstexperte klagt an: Europas Verhandlungen mit den Mercosur-Staaten hätten die Waldrodung beschleunigt und gefährdeten die Schutzgebiete der Indigenen. Die Abholzung könne sich einer neuen Studie zufolge nochmal verdoppeln.

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          Trägt Europa eine Mitschuld an der wieder einmal enorm gestiegenen Abholzungsflächen im brasilianischen Teil des Amazonas-Regenwalds? Paulo Barreto, Forschungschef am brasilianischen Amazonas-Institut „Imazon“, ist davon  überzeugt: „Es gibt immer mehr Belege für eine Mitverantwortung.“ 

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Mindestens 11.088 Quadratkilometer Regenwald waren bis Mitte des Jahres innerhalb von zwölf Monaten abgeholzt worden, das legen die Auswertungen von Bildern der Umweltsatelliten der brasilianischen Raumfahrtbehörde INPE nahe. So viel wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Und Europas Handelspolitik steht nun von vielen Seiten am Pranger. In einem aktuellen Bericht von Imazon wird die Kausalkette bis zurück zu den Anfangen der Verhandlungen für einen Freihandelspakt der Mercosur-Staaten in Südamerika mit der Europäischen Union aufgemacht. In den achtzehn Monaten seither habe die brasilianische Regierung intern die Weichen für eine ungebremste und weitgehend unkontrollierte Umwandlung von Regenwaldflächen in Landwirtschaftsflächen gestellt. Das soll in einer neuen Studie von Imazon dokumentiert werden.

          Nicht nur die brasilianischen Umweltschützer und Wissenschaftler sind deswegen alarmiert. Brasilien ist auf dem besten Weg, nicht nur die vor der Amtsübernahme durch Präsident Jair Bolsonaro erlassenen Klimagesetze vollständig zu pulverisieren, auch die für das Pariser Klimaabkommen gemachten Zusagen sind Makulatur, wenn die für das globale Klima elementaren Amazonas-Regenwälder in der eingeschlagenen Geschwindigkeit weiter schrumpfen.

          Paulo Barreto ist Forstwissenschaftler am Amazonas-Forschungsinstitut „Imazon“.
          Paulo Barreto ist Forstwissenschaftler am Amazonas-Forschungsinstitut „Imazon“. : Bild: IMAZON

          Forstwissenschaftler Paulo Barreto hatte bereits bei der Aufnahme der Verhandlungen mit der EU davor gewarnt, dass insbesondere an den Rändern der Schutzgebiete von Indigenen Völkern die Rodungen zunehmen könnten, wenn die Zölle fallen und mehr Agrarprodukte aus Brasilien nach Europa exportiert werden sollen. „Viele der Abholzungen sind die direkte Folge der politischen Verhandlungen zwischen Mercosur—Staaten und der EU“, schreibt Barreto, das könne in der Imazon-Studie gezeigt werden. „Schon vor uns haben zwei europäische Studien der London School of Economics im Juli und der vom französischen Premierminister eingerichteten  ‚Commission Ambec‘ im September 2020 angedeutet, dass der Vertrag negative Konsequenzen haben dürfte.“

          In dem neuen Bericht von Imazon werden die aktuell am stärksten bedrohten Regenwalde identifiziert. Vor allem in den südlichen Amazonas-Staaten Rondonia, Mato Grosso und Para – früher schon Brennpunkte illegaler Waldrodungen – ist seien die Risiken weiterer großflächiger Abholzungen am größten. Die Hotspots haben sich demnach kaum verändert, die Kontrollen aber werden immer lascher, und die Hauptleidtragenden sind für Barreto in erster Linie die indigenen Völker. Barreto fürchtet um die Zukunft der Wälder und der einheimischen Bevölkerung: „Das Versagen der Verhandlungspartner, in den Handelsverträgen klare Regeln für den Regenwaldschutz und Anti-Abholzungsbestimmungen zu formulieren, wird dazu führen, dass sich die Amazonas-Abholzung nochmal verdoppeln wird.“ 

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