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Umstrittene Zahn-Plomben : Restlaufzeit für Amalgam

Zahnarztstress in der Pandemie. Bild: dpa

Das Ringen um ein Ausstiegsdatum für das quecksilberhaltige Plomben-Material spitzt sich zu: Zahnärzte blockieren, Brüssel bohrt nach. Zeit, das Kapitel zu beenden.

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          Dass Freiheit unter Umständen auch die Freiheit des Narren beinhaltet, haben uns manche Querdenker-Auswüchse schmerzhaft vor Augen geführt. Freiheit wird gern auch missbraucht. Da geht es ihr wie dem Erfindergeist, mit dem die Freiheit, alles tun und lassen zu können, neuerdings gern verbrüdert wird. Ob es allerdings im Sinne des Erfindergeistes ist, dass Umweltsünden und Gesundheitsschäden mit Verweis auf mögliche, aber hypothetische Innovationen noch möglichst lange in Kauf genommen werden sollten, muss bezweifelt werden. Der Erfindergeist ist da eher ein ungeduldiger Humanist.

          Amalgam ist in der Hinsicht die Braunkohle der Zahnmedizin. Das schwermetallhaltige Füllungsmaterial wird immer noch verwendet. Europaweit liegt Deutschland sogar noch weit vorne damit. Norwegen und Schweden verzichten seit Jahren ganz, in der Schweiz, den Niederlanden, Spanien und anderen Ländern wird zu mehr als 98 Prozent alternatives Füllungsmaterial – Kunststoff-Komposite und Glasionomerzemente – verwendet. Der Grund ist altbekannt: Amalgam enthält zur Hälfte Quecksilber, ein Nerven- und Lebergift, das nicht ausgeschieden wird und sich deshalb im Körper anreichern kann. Das meiste bioverfügbare Quecksilber nimmt der Bundesbürger immer noch mit Fisch auf – und eben mit Amalgam. Seitdem Leuchten, Thermometer und Batterien mit Quecksilber verboten sind, ist das Amalgam im Mund die einzig große, gezielt eingesetzte anthropogene Quecksilberquelle.

          Alles spricht inzwischen für einen Amalgam-Ausstieg, auch die Regelverschärfungen weltweit. Die völkerrechtliche Minamata-Konvention, die EU-Quecksilber-Verordnung, der von Brüssel kürzlich vorgestellte „Zero Pollution Action Plan“ und auch die nach dem Brustimplantate-Skandal überarbeitete Medizinprodukte-Verordnung, die an diesem Mittwoch in Kraft tritt, sagen nach strikter Auslegung alle dasselbe: Amalgam war gestern und gehört nicht mehr in den Mund. In Fachblättern wie dem Dentalmagazin werden die Fortschritte der alternativen Füllungsmaterialien inzwischen gefeiert. Vier von fünf Europäern sind in Umfragen für ein Amalgam-Verbot. Eine Koalition aus fünfzig deutschen Organisationen, darunter die Zahnarzt-Fachangestellten und umweltbewusste Zahnärzte, Patientenorganisationen und Naturschutzverbände, fordern inzwischen den Amalgam-Ausstieg bis 2025.

          Spätestens Ende des Jahrzehnts wäre wohl sowieso Schluss. Die Verschärfungen, die international bei den Minamata- und EU-Verhandlungen anstehen, lassen das erwarten. Ausgerechnet aber die Vertreter der Zahnarztmehrheit im Land, Bundeszahnärztekammer und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, sehen das mit Zähneknirschen. „Dentalamalgam ist aufgrund seiner einfachen Anwendung, Haltbarkeit und Kosteneffizienz weiterhin ein geeignetes Füllungsmaterial für eine Reihe von Restaurationen“, schreiben sie anlässlich der Revision der EU-Quecksilberordnung in ihrer Stellungnahme. Die Entwicklung eines dem Amalgam gleichwertigen Ersatzmaterials sei ebenso „wie die Erforschung der kurz- und langfristigen Auswirkungen der derzeit verfügbaren Restaurationsmaterialien“ noch nicht abgeschlossen. Zusammengefasst lautet das Ergebnis ihrer Güterabwägung: Ihr könnt den dreckigen Karren gern irgendwann ganz aus dem Dreck ziehen – nur lasst uns erst mal weitermachen und warten, bis die geniale Lösung gefunden ist. Alte Dentisten-Weisheit: Manchmal muss der Zahn einfach raus, um Schlimmeres zu verhindern.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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