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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Fiese Feigen

Würgefeigen könnten manche Gesellschaftsheoretiker auf die Idee bringen, das bekannte Plautus-Zitat etwas anders zu formulieren: Homo homini ficus.

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          Vor zwei Jahren machte  ein bekannter Vertreiber von Möbelbausätzen ein ungewöhnliches Experiment. Dabei soll herausgekommen sein, dass auch Pflanzen unter Mobbing leiden. Zwei Zimmergewächse wurden 30 Tage lang entweder mit Komplimenten oder mit Beschimpfungen wie „Keiner mag dich“ oder „Du bist zu nichts nütze“ beschallt. Letzteres soll dabei hängende Blätter und welke Stellen davongetragen haben. Leider liegen keine Meldungen über erfolgreiche Bestätigungen des Versuchs vor.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mobbing ist wohl doch nur unter Menschen ein fassbares Phänomen. Unter Pflanzen dürfte es methodisch auch nur schwer von Vorgängen zu unterscheiden sein, in denen ein Gewächs einem anderen Wasser und Nährstoffe abgräbt oder schlicht das Licht wegnimmt. Dabei springen manche Pflanzen mit anderen noch sehr viel brutaler um. Richtig mörderisch sind ausgerechnet einige Vertreter der artenreichen Gattung Ficus. Neben dem klassischen Feigenbaum (Ficus vera) oder der von Menschen gerne in ihren Büros gefangen gehaltenen Birkenfeige (Ficus benjamina) gibt es in tropischen und subtropischen Gegenden von Florida bis Neuseeland etwa ein Dutzend Arten, die als Würgefeigen bezeichnet werden.

          Nach dem Mord erbt der Mörder den Grundbesitz des Opfers

          Eine solche Pflanze beginnt ihre Karriere recht unschuldig als Epiphyt, also etwas, das auf einem Baum auskeimt, ähnlich einer Mistel. Doch dabei treibt sie Luftwurzeln aus, die lianenartig vom Wirtsbaum herunterhängen. Erreichen diese den Boden, wurzeln sie sich dort ein. Der neue Zugang zu Wasser und Nährstoffen ermöglicht es der Feige, ihre Luftwurzeln rasch zu vermehren, zu verdicken und zu verhärten. Schließlich umgeben sie den Wirtsbaum mit einem netzartigen Korsett, das ihn am Wachstum hindert, bis er durch seine eisern umklammerte Rinde kaum noch Säfte nach oben geleitet bekommt. Nach Siechtum und Tod zerfällt das Opfer, was – anders als bei anderen Parasiten – noch lange nicht das Ende der Mörderfeige bedeutet. Ihr Wurzelnetz kann längst von allein stehen und bildet einen hohlen, vielfach durchbrochenen Scheinstamm, der uns mitteleuropäischen Buchenwaldbewohnern oft wahrhaft außerirdisch anmutet.

          Eine Würgefeige im Geäst wünscht man also keinem Baum. Oder doch? Zwei amerikanische Botanikerinnen veröffentlichten 2017 im Fachjournal Symbiosis Hinweise darauf, dass der Begriff des Bösen in der Pflanzenwelt selbst in diesem extremen Fall nicht greift. Nachdem ein Zyklon Wäldern im Lamington National Park im australischen Queensland zugesetzt hatte, stellten die Forscherinnen dort fest, dass Bäume mit starkem Würgefeigenbefall deutlich seltener entwurzelt worden waren.

          Damit könnte das schleichende Strangulieren nicht wenigen Bäumen das Leben unterm Strich verlängert und damit ihren Fortpflanzungserfolg befördert haben. Die Beziehung zwischen beiden wäre statt einseitig parasitisch vielmehr „mutualistisch“ zu nennen, zum gegenseitigen Vorteil. Hoffentlich zieht daraus jetzt niemand vorschnell nietzscheanische Schlüsse auf die Menschenwelt – so etwas wie „Was mich nicht (gleich) umbringt, macht mich stärker“. Schon die einzige Evidenz dafür, dass es bei Pflanzen menschenähnlich zugehe, stammt von einem Unternehmen, das Bäume zu Billy-Regalen verarbeitet.

          Literatur

          Titus Maccius Plautus, Asinaria, II Akt, 4. Szene Nr. 89; Richard, Leora.; Halkin, Sylvia (June 2017). "Strangler figs may support their host trees during severe storms". Symbiosis. 72 (2): 153–157.

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