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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Träume einen kleinen Traum

Wonach Googles Quantenprozessoren „Sykamore“ und „Bristlecone“ benannt wurden.

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          Produkte zu benennen ist eine Wissenschaft für sich. Bevor man sich also wieder über ulkige Lautfolgen auf Spülmittelflaschen oder Autohecks lustig macht, bedenke man die Nöte der Marketingleute: der Name des neuen Erzeugnisses darf noch nicht vergeben sein, er muss gut klingen, und das auch noch weltweit. Unvergessen ist die Pleite, die Mitsubishi mit seinem SUV „Pajero“ erlebte. Wer spanischer Verbalinjurien mächtig ist, weiß, warum das Modell in spanischsprachigen Ländern unter anderem Namen vertrieben werden musste.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vielleicht hatten die Texter schlicht die Wichtigkeit von Vokalen in indoeuropäischen Sprachen unterschätzt, als sie sich von „Pájaro“ (Spanisch für „Vogel“) inspirieren ließen. Tatsächlich ist man mit Naturdingen als Namenspaten oft auf der sicheren Seite, weswegen ja bereits Winde („Passat“) und Ströme („Golf“) zur Ehre der Karosserien kamen. Pflanzen scheinen das noch nicht so häufig geschafft zu haben, was sich bald ändern könnte. Denn nun hat Googles Quantum Artificial Intelligence Lab möglicherweise einen wichtigen Schritt auf dem Weg zum Quantencomputer getan, mit dem Chip „Sycamore“.

          Europäer werden das Wort wohl vor allem aus der Zeile eines Songs kennen, dessen populärste Version 1968 von „The Mamas and the Papas“ aufgenommen wurde: „Birds singing in the sycamore tree / Dream a little dream of me.“ Botanisch ist dazu anzumerken, dass man die Sycamore nicht mit der Sykomore verwechseln sollte, der afrikanischen Maulbeer-Feige (Ficus sycomoros). „Sycamore“ (mit „a“) dagegen kann im Englischen eine von vier Baumarten bezeichnen: den europäischen Berg-Ahorn Acer pseudoplatanus sowie drei Arten der Gattung nordamerikanischer Platanen: Platanus occidentalis aus dem Osten des Kontinentes, Platanus wrightii aus Arizona und Platanus racemosa aus Kalifornien. Da der Texter von „Dream a little dream“ um 1931 herum, dem Entstehungsjahr des Liedes, begann, für Hollywood zu arbeiten, ist zu vermuten, dass schon damals Platanus racemosa gemeint war, die kalifornische Platane.

          Auch Googles Quantenlabor befindet sich in Kalifornien – die ideelle Heimat der „Mamas and Papas“ sowieso –, und so kommt für den neuen Wunderchip als Namenspatron auch nur dieser Baum in Frage. Zumal es bereits ein Vorgängermodell gab, den 2018 vorgestellten „Bristlecone“. Auch das ist ein Baumname, hinter dem sich abermals drei Spezies verbergen, diesmal der Gattung Pinus, alle drei aus dem amerikanischen Westen. Von ihnen ist Pinus longaeva die prominenteste, denn die „Langlebige Kiefer“ ist tatsächlich die Baumart mit der größten Lebenserwartung. In den White Mountains gibt es ein noch lebendiges Exemplar, das vor 4850 Jahren keimte. Man darf gespannt sein, welche Bäume der Internetgigant mit seinen künftigen Quantenprozessoren ehrt. Denn bis die Technik ausgereift ist, werden noch viele Namen gebraucht. Aber der Vorrat ist reichlich. Eine internationale Forschergruppe hat gerade in Nature eine Studie veröffentlicht, für die sie Erbmaterial aus 1124 Pflanzen sequenziert hat, um die Verwandtschaft allen Grünzeugs aufzuklären. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zwischen 450.000 und 500.000 Pflanzenarten auf der Erde gibt, jede mit einem lateinischen Doppelnamen und viele mit Gebrauchsnamen in etlichen Sprachen. Das sollte noch für ein paar Zeitalter Markenkapitalismus reichen.

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