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Überleben durch Kannibalismus : Hurrikans machen Spinnen aggressiver

  • -Aktualisiert am

Verfangen sich einmal nicht ausreichend Fliegen in der Spinnen-WG, müssen auch arteigene Männchen oder Eier als Speise herhalten. Bild: Thomas Jones

Eine amerikanische Spinnenart frisst nicht nur Fliegen, sondern auch ihre Artgenossen. Nach Tropenstürmen hilft das Verhalten den Tieren, sich durchzusetzen.

          Manche Ökosysteme verändern sich ganz plötzlich – mit oder ohne Klimawandel. Dazu gehören auch die nordamerikanischen Küstengebiete, die regelmäßig von Hurrikans heimgesucht werden. Eine Bewohnerin ist unmittelbar von den Stürmen betroffen: die Spinnenart Anelosimus studiosus. Und das ungemütliche Wetter geht nicht spurlos an den Spinnenpopulationen vorbei: nach einem Hurrikan werden die Tiere aggressiver. Jedoch nicht etwa aus Wut über eine zerstörte Unterkunft. Forscher um Alexander G. Little von der University of California erklären in einer Studie in Nature Ecology & Evolution, warum.

          A. studiosus bildet Kolonien mit bis zu mehreren hundert Weibchen im Hurrikan-Risikogebiet am Atlantik. Netze, an Ästen über Fließgewässern hängend, werden gemeinschaftlich zum Beutefang genutzt. Verfangen sich einmal nicht ausreichend Fliegen in der Spinnen-WG, müssen auch arteigene Männchen oder Eier als Speise herhalten. Und hierbei erweisen sich manche Spinnen aggressiver als andere. Jedoch ohne, dass sie viel dafür können, denn das Verhalten ist erblich festgelegt. Die Art bildet zwei verschiedene Verhaltenstypen aus: aggressiv und gemäßigt.  In der Regel bestehen die Kolonien aus beiden Typen, wobei der jeweils größere Anteil die Gesamtaggressivität einer Kolonie beeinflusst. Das jeweilige Verhalten wird an die nächste Generation weitergegeben. 

          Überleben durch Kannibalismus

          Durch verschiedene Faktoren zeigt sich die Aggressivität einer Gruppe: zum Beispiel durch Geschwindigkeit und Anzahl der angreifenden Spinnen, effiziente Aufteilung von Beute oder auch Kannibalismus. Zusätzlich begünstigen erhöhte Temperaturen ein kämpferisches Gemüt. In Zeiten von Nahrungsknappheit kommt den achtbeinigen Amazonen ihr Verhalten zugute. Darauf deuten auch die gesammelten Daten der Studie hin. Möglicherweise reduziert ein Hurrikan das Futterangebot, wodurch sich der angriffslustige Typ, der auch nicht vor Artgenossen halt macht, besser durchsetzen kann.

          Um den Effekt von Tropenstürmen auf A. studiosus-Populationen zu untersuchen, mussten die Wissenschaftler den Wetterbericht verfolgen. Spinnenvorkommen in Regionen, die voraussichtlich von einem Zyklon oder Hurrikan getroffen werden sollten, wurden vor dem Eintreffen des Sturms sowie 48 Stunden danach untersucht. Die Menge an aggressiven Spinnen innerhalb einer Kolonie wurde mit Hilfe eines Stück Papiers bestimmt, das ins Netz gebracht mit einer elektrischen Zahnbürste in sanfte Schwingung versetzt wurde. Die Hausherrinnen, die mit einer Attacke gegen das feindliche Papier reagierten, wurden gezählt und mit der Anzahl entspannter Mitbewohnerinnen verglichen. 

          Anelosimus studiosus baut ihre Netze an Ufern von Fließgewässern. Teils mehrere hundert Spinnenweibchen können sich in einer Kolonie befinden.

          Der Aggressivere setzt sich durch

          Schließlich stellte sich heraus, dass aggressive Kolonien nach Stürmen mehr Nachkommen in die Umwelt entlassen, wohingegen sich genau das Gegenteil einstellte in Gebieten, die vom Wind verschont blieben. Laut der Studie könnte sich der Sturm negativ auf das Überleben von Spinnen-Müttern auswirken, die sich um den Nachwuchs kümmern. Aggressive Jungspinnen, die sich stärker ausbreiten als gemäßigte, wären demnach weniger auf mütterliche Fürsorge angewiesen.

          Die beiden Verhaltenstypen erlauben es A. studiosus als Art, mit veränderten Umweltbedingungen zurechtzukommen. Aggressive Spinnen können zwar besser mit einem verwüsteten Lebensraum umgehen, sind aber dauerhaft keine guten Kolonie-Nachbarn und bekämpfen sich oft gegenseitig. Friedliche Vertreter profitieren hingegen von einer gleichbleibenden Atmosphäre – solange, bis der nächste Sturm kommt. Doch je weiter der Klimawandel voranschreitet, desto häufiger werden Hurrikans die Küsten Nordamerikas treffen.

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