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Ab in die Botanik : Work-out im Zirbelstudio

Alpine Entspanntheit versprechen Accessoires aus dem Holz der Zirbe oder Zirbel, dessen Duft beruhigend wirken soll. Bild: Charlotte Wagner

Wer in diesem Tagen eigentlich noch einmal Skifahren wollte, statt auf der Suche nach Klopapier Supermärkte abzuklappern, dem mag die Königin der Alpen ein wenig Entspannung schenken.

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          In diesen aufrührerischen Zeiten, da Winterurlaube gestrichen sind, sehnt man sich besonders nach den Weiten der Alpen. Statt durch verschneite Bergwälder zu stapfen oder Pisten runterzupreschen, ist man mit der gesamten Mischpoche in den heimischen vier Wänden eingepfercht und begegnet der Welt mit zunehmender Gereiztheit. Dringend gebraucht wird ein Mittel zur Linderung des Lagerkollers: Alpine Entspanntheit versprechen Accessoires aus dem Holz der Zirbe oder Zirbel, dessen Duft beruhigend wirken soll.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer einmal in den Alpen gewandert ist, wird die immergrüne, rund zwanzig Meter hohe Zirbe bemerkt haben. Die langen Nadeln sprießen in Fünfergruppen. Die windgepeitschten Äste zeugen davon, wie zäh die sogenannte Königin der Alpen ist: Man findet Pinus cembra noch auf einer Höhe von 2800 Metern, die Bäume trotzen vierzig Grad minus, sind recht feuerresistent und werden bis zu tausend Jahre alt. Die Zirbe ist ein Spätzünder, die Mannbarkeit erreicht sie erst im Alter von mindestens fünfzig Jahren. Zur Fortpflanzung ist sie auf die Vergesslichkeit des Tannenhähers angewiesen. Dieser braune Rabenvogel vergräbt mit Vorliebe Zirbennüsse als Vorrat für den Winter. Von seinen unglaublichen 10.000 Verstecken findet dieser Prepper rund achtzig Prozent wieder.

          Seit Jahrhunderten wurden in den Alpen Schlafzimmermöbel oder auch Gaststuben aus Zirbe gezimmert. Womöglich ein Grund, warum das rotbraune Holz mit den auffälligen Maserungen spätestens in den 1990ern als unmodern galt. Eine Studie zur gesundheitsfördernden Wirkung des aromatischen Baums sollte das Image aufpolieren: Der Biologe und Mediziner Maximilian Moser von der Joanneum Research Forschungsgesellschaft ließ Anfang des Jahrtausends im Auftrag der Tiroler Landwirtschaftskammer rund dreißig Probanden mehrere Wochen in Betten aus Holzdekor oder aus Zirbe schlafen.

          Von der Bauernstube ins Designstudio

          Erholsamer waren demnach die Nächte im Zirbenbett. Außerdem trainierten die Studienteilnehmer auf einem Stepper in einem Raum, der von der Wandverkleidung bis zum Beistelltisch aus Zirbenholz gefertigt war, und tatsächlich lag die Herzfrequenz niedriger als bei Sport im mit Holzimitat ausgekleideten Testzimmer. Davon war Moser so begeistert, dass er ein Buch über die „Kraft der Zirbe“ verfasste. Die ätherischen Öle enthalten Terpene, wie die Alpha-Pinene, welche in japanischen Studien den Blutdruck senkten und in Tierversuchen den Tiefschlaf intensivierten. Der typische Geruch geht auf die Substanz Pinosylvin zurück, womit sich der Baum vor Pilzbefall schützt.

          Der Zirbe ist ihr Revival gelungen: Im Internet und Boutiquen werden Entspannungsprodukte wie mit Spänen gefüllte Kissen oder Holzkugeln verkauft. Die plaziert man wie einen Deckel auf einer Wasserkaraffe, und nach kurzer Zeit lasse sich das einmalige Aroma der Zirbe genießen. Das Wasser duftet nach einer halben Stunde würzig, etwas nach Zitrone und Wald, mit einem Hauch von Sauna. Der Gaumen hält dann aber nicht, was die Nase verheißt: Das Wasser schmeckt nach Holz und etwas schal, wie es der nachhaltige Konsument schon von Holzbesteck und Bambuszahnbürsten kennt. Ein entspannender Effekt will sich nicht einstellen, womöglich muss man dafür sein Wohnzimmer, wie in der Studie beschrieben, großflächig mit Zirbenholz auskleiden. Immerhin, die Baumärkte sind ja weiterhin geöffnet.

          Illustration Charlotte Wagner

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