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Der Tintenfischpilz wird in Fachkreisen auch Tentakelpilz genannt und ist mit der heimischen Stinkmorchel verwandt. Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Tentakel des Grauens

  • -Aktualisiert am

Es könnte auch ein toter Storch sein der mit dem Körper in der Erde verbuddelt ist, sodass nur noch die Füße herausschauen. Abgesehen davon stinkt es ziemlich.

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          Die Schwester sagt, im Garten liege eine tote Ratte. Oder etwas Größeres sogar, ein Marder vielleicht, bislang habe sie sich nicht getraut nachzusehen. Jedenfalls stinke es erbärmlich nach Aas oder Exkrementen. Eine Bekannte kommt vorbei, riecht den Gestank ebenfalls und wird neugierig. Sie will nachsehen, folgt der Nase und nähert sich langsam dem Tatort. Unerschrocken drängt sie Zweige zurück und erblickt etwas Seltsames. Ein toter Storch, erklärt sie angewidert. Oder das, was von ihm übrig sei. Nämlich nicht mehr viel, nur noch die Füße. Feuerrot ragen sie aus dem mit Rindenmulch bedeckten Boden. Boah, wie das stinkt.

          Storchenfüße? Die Schwester wird misstrauisch, schaut jetzt doch selbst nach. Nein, mit Sicherheit kein Storch, ruft sie herüber. Kann ja gar nicht sein. Soll der im Sturzflug kopfüber im Boden versunken sein, nur die Füße schauen raus? Sehr unwahrscheinlich. Aber was ist es dann, eine Pflanze, ein Pilz? Mit Hilfe des Internets ist das stinkende Etwas bald identifiziert: Im badischen Garten wächst ein Tintenfischpilz, in Fachkreisen auch Tentakelpilz genannt, Clathrus archeri oder Anthurus archeri, ein Verwandter der heimischen Stinkmorchel.

          Hübsch anzuschauen sind sie ja, die fünf feuerroten Tentakel. Von weitem könnte man den Pilz auch für einen verirrten Seestern halten, der irgendwie vom Meeresgrund ins Badische fand – und diese Reise nicht überlebt hat. Weit entfernt ist jedenfalls seine Heimat, der Pilz kommt normalerweise in Australien und Neuseeland vor. Schaut man genauer hin, erkennt man eine glänzende Schleimschicht, die den Exoten umgibt. Mykologen nennen sie Gleba. Sie enthält die Sporen, und darin verbirgt sich der Grund für den elenden Gestank: Der Tintenfischpilz lockt Insekten an, damit sie seine Sporen verbreiten.

          Eingewandert ist der Tintenfischpilz zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von Australien oder Neuseeland aus gelangte er zunächst nach Kalifornien, irgendwann dann auch nach Europa. Sehr wahrscheinlich wurden seine Sporen durch Schafwolltransporte um die Welt getragen. Der Tintenfischpilz wurde 1913 erstmals in den Vogesen nachgewiesen und 21 Jahre später in Karlsruhe gesichtet. Seither häufen sich die Berichte über übelriechende Tentakeln in deutschen Wäldern und Gärten; der Klimawandel lässt ihn gedeihen. Der Tintenfischpilz mag es warm und feucht; er wächst auf humusreichen Böden, zwischen Holzabfällen, im Falllaub und auf Wiesen.

          Damit liegt er im Trend: Wärmeliebende Pilzarten werden häufiger, aber dieser Clathrus wirkt unheimlich. Auf dem Boden steht zunächst ein weißgraues Hexenei – das wirklich so heißt, und dieses gelatinöse Gebilde platzt innerhalb von ein paar Stunden auf. Dann breiten sich sternförmig die purpurroten Tentakel aus, anfassen sollte man die allerdings lieber nicht. Ihr Gestank bleibt kleben, dagegen hilft nicht einmal Gallseife.

          Und wer macht das Ding nun weg? Die Schwester nimmt eine Schippe zur Hand und versucht, den Pilz mit einer Schaufel draufzuschieben. Die Tentakeln zerfleddern, es entweicht starker Aasgeruch. Die Bekannte hat genug. Sie packt den Pilz resolut in eine Tüte, weg damit, in den Müll. War das etwas voreilig? Kann nach Entfernung des Sporenbehälters und der gelatinösen Schicht verzehrt werden, heißt es im Fachbuch. Vielleicht beim nächsten Mal: Im Rindenmulch stehen schon drei neue Hexeneier.

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