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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Süßsauer ist mein Gemüse

Vom Dilemma, mit Rhabarber eine mitunter toxische Vorliebe zu haben

          2 Min.

          Am 6. Mai 1919 bereitete Mrs. A. zum letzten Mal das Frühstück zu. Sie fühlte sich schlecht, legte sich ins Bett und klagte über starke, krampfartige Schmerzen. Ihr Zustand wurde nicht besser, und der zu Hilfe gerufene Dr. Harry J. Robb aus Broadview, Montana, fand nachts eine schwache, blasse Frau vor, die seine Fragen kaum beantworten konnte. Sie behielt nichts im Magen, spuckte eine blutige Flüssigkeit, und es kam zum Abort, in einer sehr frühen Phase der Schwangerschaft. Nichts schien zu helfen, Stunden später war die Frau tot.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während ich diese furchtbare, hundert Jahre alte Fallgeschichte lese, greife ich nervös zur Rhabarberschorle. Das Naturprodukt in trübseligem Altrosa bringt mich plötzlich in einen Gewissenskonflikt. Wenn Rhabarber nun schon kein Obst in eigentlichem Sinne ist, muss ich jetzt meinen Konsum einschränken, obwohl ich sehr wenig zuckere? Auf selbstgemachtes Kompott, wunderbar süßsauer, zum Vanillejoghurt verzichten? Als Fan würde ich Rhabarber am liebsten täglich genießen, bevor die Saison am Johannistag endet und mir nur Saftschorle nebst meinem „Eau de rhubarbe écarlate“ bleibt, also wälze ich die Literatur.

          Ihren Tod führte der Arzt schließlich auf eine Vergiftung mit Oxalsäure zurück. Typische Symptome wiesen seiner Meinung nach darauf hin: So schien ihr Blut nicht mehr zu gerinnen, und keine dreißig Stunden zuvor hätte eine gesunde Mrs. A. für sich und ihren Mann Rhabarber als Gemüse zubereitet. Nicht nur die Stiele, sondern auch saftig-grüne Blätter, die vor allem sie selbst verzehrt habe.

          In Fachkreisen diskutierte man damals über diesen Fall – und mögliche andere Ursachen. Ähnliche Vergiftungen waren während des Ersten Weltkrieges öfter in England beobachtet worden, wo man Rhabarberblätter als Spinatersatz propagiert hatte. Sie enthalten jedoch mehr Oxalsäure beziehungsweise deren Salze (Oxalate) als Spinat, Mangold oder eben die eigenen grün-, rosa-, rotfleischigen Stiele. Daher wird zu recht vor der tückischen Fähigkeit gewarnt, Verbindungen einzugehen, gar Calcium aus dem Blut zu fischen, das dann als unlösliches Oxalat die Nieren plagt. Mrs. A. scheint ein besonders tragischer Einzelfall gewesen zu sein, denn um sich mit den Blättern zu vergiften, muss ein gesunder Mensch größere Mengen verzehren. Auf das Grün kann man getrost verzichten, oder sollte zumindest den Sud entsorgen. Aber vor dem süßsauren Stielobst muss sich eigentlich niemand fürchten, gerade wer sich vor dem Kochen die Mühe macht und schält: In Maßen genossen ist Rhabarber harmlos und nur bei Gicht oder Nierenproblemen tabu. Doch unter Umständen können Anthrachinone zum Gift werden, sie sind wohl für die abführende Wirkung verantwortlich, für die man Rhabarber seit Jahrtausenden als Arzneipflanze rühmt. Zu teuren Pillen verarbeitet, sollte das Wurzelpulver Magen- und Darmbeschwerden lindern; nicht nur in der Renaissance war Rheum officinale für Europäer ein wie Opium oder Safran hochbegehrtes Handelsgut aus Fernost.

          Als „Pie Plant“ wurde Rhabarber erst im 19. Jahrhundert berühmt, und wie Rheum rhaponticum oder R. rhabarbarum die Zucht beeinflussten, ist heute vergessen. Jedoch wissen Kenner der winterharten Knöterichgewächse zu schätzen, was „Victoria“ im Vergleich zu „Goliath“, „Prince Albert“ oder „Frambozen Rood“ zu bieten hat, achten „Holsteiner Blut“ als bewährte milde Sorte. Mit dem frischen Genuss ist in wenigen Wochen aber leider Schluss.

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