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Ab in die Botanik : Des Kaisers blaue Pracht

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Beliebt bei Ungeduldigen: Der Glockenbaum wächst schnell Bild: Charlotte Wagner

Manche Forscher sehen ihn schon als Baum der Zukunft, ungeduldige Gärtner schätzen ihn ebenso. Denn der Kaiserbaum aus Fernost hat eine spezielle Fähigkeit.

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          Ein Freund hat einen kleinen Garten, am Rand einer größeren Reihenhaussiedlung. Ein Beet gibt es nicht, dafür stehen auf dem dreißig Quadratmeter großen Rasenrechteck eine Pergola, ein Kinderspielhaus und ein klaviergroßer Grill. Überraschenderweise fehlt ein Trampolin. Um den Garten ein wenig Gemütlichkeit einzuhauchen, will er eine Hängematte über den letzten freien Flecken Rasen spannen. Aber weder an der Pergola noch am Spielhaus lässt sich eine Hängematte sicher befestigen. Ernsthafte statische Gründe sprechen dagegen.

          Eine mögliche Lösung für dieses Problem hat der Freund vergangenes Jahr auf seinem Arbeitsweg entdeckt. Über Monate sah er einem Blauglockenbaum auf einer Verkehrsinsel beim Wachsen zu, nach eigenen Angaben wuchs der junge Baum mehrere Meter in nur kurzer Zeit. Eine Internetrecherche brachte ihn schließlich auf eine Idee: Könnte vielleicht das Gewächs aus Fernost seine statischen Probleme lösen? Vielleicht müsste er ja nur ein oder zwei Jahre warten, dann ließe sich am Stamm eine Hängematte befestigen, die sein Gewicht trägt.

          Tatsächlich sieht man Paulownia tomentosa seit einigen Jahren immer häufiger in Deutschland, eingeführt wurde diese Spezies in Europa allerdings schon 1834. Mancher Forstwissenschaftler sieht in ihr bereits den Baum der Zukunft. Der Kaiserbaum oder die Kaiser-Paulownie, wie das Gewächs hierzulande auch heißt, kommt ursprünglich aus West- und Zentralchina, ist nicht besonders anspruchsvoll und gedeiht selbst auf eher nährstoffarmen Böden, solange es kein Ranker ist. Dafür sollte der Standort recht sonnig und vor allem windgeschützt sein, mit Hitze und Trockenheit kommt er spielend klar, mit Schatten und Staunässe weniger. Der Blauglockenbaum toleriert hohe Temperaturen jenseits von vierzig Grad, und ein ausgewachsenes Exemplar hält bis zu minus zwanzig Grad aus. Nur Jungbäume gehen bei strengem Frost ein.

          Die deutschen Weinbaugebiete wären für diese Paulownia-Art gut geeignet. Pflanzt man sie an einem idealen Standort, lässt sie ihren Besitzer nicht im Stich. Nach einem Jahr kann der Baum drei bis vier Meter Höhe erreichen, die Kaiser-Paulownie gehört fürwahr zu den schnellwachsenden Arten, kommt daher für Biomassekraftwerke in Frage; ein Nachteil ist, dass die Lebenserwartung nur sechzig bis siebzig Jahre beträgt. Nach wenigen Jahren bildet sich ein stabiler Stamm, handbreit; in zehn Jahren sind schon Durchmesser von 35 bis 40 Zentimetern erreicht.

          Höher als fünfzehn Meter werden Blauglockenbäume selten, doch optisch sind sie eine Zierde, mit Blättern groß wie Einkaufstaschen, und glockenförmigen Blüten, die nach Vanille duften. Das Holz ist leicht, hochwertig und eignet sich für Musikinstrumente und Möbel ebenso wie für Surfbretter und Tischtennisschläger. Zu Ehren von Kaisern und Königen wurden die Paulownien einst in prächtige Gärten gesetzt. Chinas Parteichef Xi ist ein Exemplar gewidmet, ebenfalls Konrad Adenauer im Bonner Palais Schaumburg, allerdings musste das Exemplar 1992 nach einem Sturm ersetzt werden.

          Mitunter ist es Brauch, nach Geburt einer Tochter einen Blauglockenbaum zu pflanzen. Der Freund ist Vater einer Tochter, aber für Symbolik weniger empfänglich. Die praktischen Eigenschaften der Paulownie scheinen ihn mehr zu überzeugen. Mögliche Verwilderungsbestrebungen der invasiven Art nimmt er dafür in Kauf; Hauptsache, schön gemütlich.

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