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Alles im grünen Bereich : Ein Traum zur Winternacht

  • -Aktualisiert am

Ein wenig Sommer im Winter dürfte nicht nur den Menschen gefallen. Bild: Charlotte Wagner

Himbeeren, Kirschen und andere sommerliche Früchte im Winter? Wer nachhaltig konsumieren und billige Importe nicht fördern möchte, hat eigentlich nur eine Wahl: den Wintergarten.

          Die Schriftstellerin Salcia Landmann hat im Laufe ihres Lebens Unmengen von jüdischen Witzen gesammelt. Einer davon geht so: Der Rabbi ist zu Chanukka beim Baron Rothschild eingeladen. Draußen ist tiefer Winter. Um ihn zu beeindrucken, lässt der Bankier frische Kirschen servieren. Der Gelehrte verzehrt sie ohne Kommentar. „Aber Rabbi“, sagt Rothschild, „fällt Ihnen an diesen Kirschen nichts auf?“ „Aber wieso denn?“, fragt der Rabbi zurück, „solche habe ich doch schon an Schawuot gehabt.“

          Die Jahreszeiten zu überlisten war schon immer ein teures Vergnügen. Ein Rothschild konnte sich den Luxus natürlich leisten. Auch am Hof Ludwigs XIV. gab man sich große Mühe. Jean-Baptiste de La Quintinie, Direktor der königlichen Obst- und Gemüsegärten, experimentierte mit Glasglocken und Pferdemist und schaffte es, bereits im Januar Erdbeeren, im April die ersten Erbsen und im Dezember den ersten Spargel zu liefern.

          Niederträchtige Konstruktionen aus Aluminium und Polycarbonat

          Heute ist das keine Kunst mehr. Himbeeren, eingeflogen aus Südamerika, liegen pünktlich zum Jahresende in den Feinkosttheken. Der auf Nachhaltigkeit bedachte Kunde macht besser einen Bogen darum, aber irgendjemand muss das Zeug ja kaufen, sonst wäre es nicht im Angebot. Und irgendwie ist die Sehnsucht nach den Genüssen des Sommers auch verständlich, wenn man dieser Tage aus dem Fenster blickt und sich höchstens über ein paar mickrige Hagebutten am kahlen Gesträuch freuen kann.

          Ich war schon als Kind fasziniert von Gärtnereien, die in angenehm temperierten Gewächshäusern und geschützt vor miesem Schmuddelwetter alle möglichen Pflanzen kultivierten. Auch heute noch träume ich gelegentlich von einem Wintergarten oder wenigstens von einem kleinen Treibhaus, in dem man ungeachtet der Jahreszeit ein bisschen vor sich hin gärtnern kann. Aber ach, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Verglasung und Isolierung her? Was landauf, landab angeboten wird, sind in den allermeisten Fällen niederträchtige Konstruktionen aus Aluminium und Polycarbonat, die schon beim Zusammenstecken schwer nach Sondermüll aussehen. Auf Dauer wird niemand froh mit ihnen, wovon ein Rundgang durch die Nachbarschaft zeugt. Der eine hat sein Teil mit weißer Ölfarbe gestrichen und bewahrt darin überflüssigen Krimskrams auf. Beim Nächsten ist es mit Algen und Moos überwachsen, beim Übernächsten steht bloß noch das spakige Gerippe.

          Weltwunder waren einst die viktorianischen Glaspaläste mit ihren gusseisernen Trägern, in denen Palmen und Orchideen gediehen. Ein schwacher Abglanz davon sind Nachbauten, die beim Quadratmeterpreis von tausend britischen Pfund beginnen. Einmal sah ich auf einer Gartenmesse ein niederländisches Modell aus Holz und echtem Sicherheitsglas, das aber selbst als Ausstellungsstück nicht unter zwanzigtausend Euro zu haben war. Im Garten hätte es nicht mal genügend Platz gefunden. Deutlich billiger sind nur diese Wintergärten, die nachträglich Alt- und Neubauten verschandeln; dafür sind sie im Winter zugig kalt und im Sommer brütend heiß, was jede Menge Heiz- und Lüftungstechnik erfordert. Auf Fotos in Prospekten sitzen darin glückliche Paare mit Kind und Golden Retriever, in der Realität habe ich das noch nie gesehen. Es gibt Träume, die man besser ruhen lässt.

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