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Ab in die Botanik : Grünkram fürs Raumklima

Städter verbringen rund 90 Prozent ihrer Zeit drinnen, wo sie auch die meisten ihrer fast 15.000 täglichen Liter Luft einatmen. Bild: Charlotte Wagner

Für ihre Zähigkeit ist sie nicht nur unter Studenten berühmt: die Grünlilie. Heute interessieren sich Forscher dafür, wie die Pflanze mit Schadstoffen umgeht.

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          Mit Topfpflanzen ist das so eine Sache. Zu Hause blühen gerade meine Orchideen auf dem Küchensims in strahlendem Weiß, und nur beim Blaufarn daneben muss ich fürchten, dass mir Phlebodium die großzügige Vernachlässigung irgendwann nicht mehr verzeiht, wie kürzlich leider die Flamingoblume. Im Büro sterben die meisten Gewächse entweder den Wüstentod im Sommerurlaub, oder sie werden in der Teeküche ertränkt, weil Raucher ihre Schuldgefühle tilgen wollen, indem sie dem darbenden Grünzeug helfen.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dort herrscht ein stetiger Wechsel von Dürre und Flut, nie der Normalzustand – wie das eine Grünlilie (Chlorophytum comosum) mehr als ein Jahrzehnt überleben konnte, ist mir ein Rätsel. Seit ein paar Monaten schmückt sie nun ein Einzelbüro, aber der Umzug scheint ihr nicht besonders gut zu bekommen. Vermutlich muss sich das Gewächs erst an die neue Aufmerksamkeit gewöhnen, an ihre afrikanische Heimat, wo man Ende des 18. Jahrhunderts auf die ersten Exemplare stieß, erinnert hier zumindest gar nichts.

          Dass die Grünlilie auch als „Grüner Heinrich“ bezeichnet wird, wissen wohl die wenigsten, doch für ihre Zähigkeit ist sie nicht nur unter Studenten berühmt. Dieser ist es auch zu verdanken, dass Graf Kaspar Sternberg sie im September 1828 in der Monatsschrift der Gesellschaft des Vaterländischen Museums in Böhmen als Anthericum comosum präsentieren konnte. Der Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe hatte dem Prager Botaniker ein Exemplar aus dem großherzoglichen Garten in Weimar zur genauen Bestimmung geschickt. Beim Transport litt die Pflanze jedoch so unter „Rauhigkeit der Witterung“ im März, dass Sternberg sie zunächst für verloren hielt.

          Überschätzte Reinigungskraft

          Aufgrund der scharfen Kälte war sie bis auf die Wurzel erfroren, erholte sich aber, trieb aus und erblühte zur „herzlichen Freude“ des Grafen, der wie Goethe in ihr eine Anthericum erkannte und als neue Spezies beschrieb. Die wurde schon bald zu A. sternbergianum, da der erste Name vergeben war, bevor man merkte, dass es sich bei diesen zwei Spezies um ein und dieselbe handelte, und man sie der Gattung Chlorophytum unterstellte.

          Die Geschichte der Grünlilie ist reich an Anekdoten, und man schätzt heute nicht nur ihre Vermehrung „durch den Schopf“, sondern auch ihren Beitrag zum Raumklima. Zumindest lassen das Studien hoffen, in denen man sich etwa um die Gesundheit der Städter sorgte, die rund 90 Prozent ihrer Zeit drinnen verbringen, wo sie die meisten ihrer fast 15.000 Liter Luft täglich einatmen. Deshalb testete ein Forscherteam von der Warschauer Universität für Lebenswissenschaften, wie Grünlilien mit Feinstaub umgehen, und stellte in fünf Innenräumen Pflanzen auf, darunter eine Zahnklinik, eine Parfümabfüllanlage und ein Büro: Offenbar reicherten sich die Partikel in der Wachsschicht auf den Blättern an, und zwar nicht allein aufgrund der Schwerkraft.

          Andere Studien schreiben Grünlilien eine reinigende Wirkung bezüglich Formaldehyd, Benzen, Kohlenmonoxid und weiteren flüchtigen Substanzen zu, doch eine aktuelle Übersichtsarbeit mit Blick auf Dutzende Studien aus drei Jahrzehnten lässt Zweifel aufkommen. Im „Journal of Exposure Science and Evironmental Epidemiology“ berichten Forscher von der Drexel University, dass Zimmerpflanzen nicht schnell genug seien, um die Luftqualität zu Hause oder im Büro effektiv zu verbessern. Es wären zehn bis tausend Pflanzen pro Quadratmeter nötig, um es mit der Gebäudebelüftung aufzunehmen oder mit ein paar geöffneten Fenstern. Trotzdem betonen sie: „Plants are great.“

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