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Alles im grünen Bereich : Mehr Stein als Sein

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Gartengestaltung als Landesthema: Über Steingärten wurde bereits in mehreren Bundesländern abgestimmt. Bild: Charlotte Wagner

Selten haben Steine so die Massen bewegt. Die Debatte um „Steingärten“ ist nicht mehr nur unter Nachbarn ein Thema, sondern hat bereits verschiedene Bundesländer zum Handeln gebracht. Doch woher kommt der Stein-Trend?

          Anfang Mai tagten in Hamburg die Umweltminister der Länder. Unter anderem einigten sie sich darauf, endlich etwas gegen die „Steingärten“ zu unternehmen, die sich in Deutschland zunehmend breitmachen. Nach Jahren der Beschäftigung mit dem Thema Umwelt wundert es mich immer noch, wie Missstände urplötzlich Schlagzeilen machen, die seit Jahren bekannt sind. Dass die Artenvielfalt schwindet, wissen wir seit den siebziger Jahren, dass die Agrarindustrie einer der Hauptverursacher ist, ungefähr genauso lange. Doch erst seit kurzem scheint das eine nennenswerte Zahl von Menschen zu kratzen. Man könnte daraus eine Verschwörungstheorie basteln, wenn es nicht so banal wäre: Die Sau muss bloß fett genug werden, um sie durchs Dorf zu treiben.

          Was hat es nun mit den Steingärten auf sich? Die Idee, sich freiwillig Geröll ins Beet zu kippen, führt zurück ins goldene Zeitalter des Alpinismus. Mitte des 19. Jahrhunderts eroberten vor allem britische Bergsteiger einen Gipfel nach dem anderen und entdeckten dabei eine Vegetation, die so ganz anders war als drunten im Tal. Im Hochgebirge, wo die Saison sich unter Umständen auf drei heiße Sommermonate beschränkt und den Rest des Jahres über eine geschlossene Schneedecke liegt, ist das Wachstum notwendigerweise reduziert. Dafür fällt die Blüte umso intensiver aus. Die Überlebenskünstler bringen trotz des kargen Bodens und der widrigen Umstände in kurzer Zeit ein wahres Feuerwerk an Farben hervor.

          Britische Gartenenthusiasten fanden ein neues Betätigungsfeld. Wer es sich leisten konnte, ließ ganze Eisenbahnladungen von Felssteinen heranschaffen. Der Londoner Anwalt Sir Frank Crisp beispielsweise, ein Exzentriker vor dem Herrn, schuf in Friar Park bei Henley-on-Thames auf Tausenden von Quadratmetern eine Gebirgslandschaft, gekrönt von einer sechs Meter hohen Nachbildung des Matterhorns mit einem Originalstein an der Spitze. Nach Crisps Tod verfiel das Anwesen zusehends, bis es der Beatles-Gitarrist George Harrison 1970 erwarb und in seinem Sinne wiederherrichtete.

          Keine Gebirgspflanzen im Flachland

          Echte Gebirgspflanzen gedeihen allerdings nur schlecht im Flachland und erst recht nicht im feuchten Klima der Britischen Inseln. Kostbarkeiten wie Glockenblumen, Enziane, Edelweiß oder Bergprimeln zieht man besser in Töpfen, die in kühlen Gewächshäusern untergebracht und von den stolzen Besitzern gelegentlich zu Ausstellungszwecken hervorgeholt werden.

          Weniger Ambitionierte verabschieden sich von vornherein von dem Gedanken, ein alpines Biotop nachahmen zu wollen. Wenn die Rede auf den Steingarten kam, verstand man darunter bis vor wenigen Jahren ein sonniges Eckchen, in dem zum Frühjahr hin Blaukissen und Steinkraut und Schleifenblume einträchtig blühten, jederzeit in Gefahr, von Gras und anderem unerwünschtem Zeug überwuchert zu werden. Es ist ein Anblick, der einem das Herz wärmt und auf einen fleißigen Gärtner schließen lässt, der wenigstens über eine gewisse Portion Fachwissen verfügt. Aber Steingärten in diesem herkömmlichen Sinne sieht man inzwischen kaum noch. Stattdessen Gabionen und Zierkies in allen Variationen, von tiefschwarz über eisblau bis kalkweiß. Man muss kein Umweltminister sein, um sich daran zu stoßen. Immerhin ist das Übel jetzt amtlich.

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