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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Das grüne Dilemma

  • -Aktualisiert am

In Zeiten der Dürre steckt der Gärtner in einer moralischen Zwickmühle: Darf er den geliebten Rasen gießen oder nicht? Doch es gibt einen Ausweg.

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          Ein saftiger Rasen, an dessen Halmen in der Morgendämmerung Tautropfen perlen, gilt vielen Heimgärtnern als ein Stück Seelenfrieden. Wie es jedoch um die gesellschaftliche Stellung des Grasliebhabers im Dürresommer steht, zeigt sich im Städtchen Lohne in Niedersachsen. In den Wochen des Julis wurde hier so viel Wasser verbraucht, dass der Hahn zum Abend häufig keinen Tropfen mehr ausspie – auf den Leitungen fehlte der Druck. Während Zeitungen berichten, dass ein ortsansässiger Industrieschlachter jedes Jahr rund 800 Millionen Liter Lohner Grundwasser abzweigt, mahnen die örtlichen Wasserwerke, das Rasensprengen einzustellen. Das kann monatlich mehrere hundert Liter schlucken. Allerorts sind sich Stadtwerke, Wasserbetriebe und Naturschützer einig: Der Rasen soll als Erster dran glauben. Ein leuchtend grüner Vorgarten brandmarkt den Gärtner derzeit als verschwenderischen Egoisten und signalisiert: „Seht her! Mir sind Wasserknappheit, Greta Thunberg und der Klimawandel schnuppe!“ Welch Ungerechtigkeit, ist der Gärtner doch all seinen Pflanzen verpflichtet. Mit schlechtem Gewissen hadert man: Soll man die Halme nun heimlich gießen oder vertrocknen lassen? Obendrein quält die Frage, wie es um die Zukunft des Rasens in Zeiten des Klimawandels bestellt ist.

          Natürlich galten die unproduktiven Grünflächen schon vor der Eröffnung des ersten Golfplatzes in Dubai als dekadent. Der pflegeintensive Rasen war Ende des Mittelalters für französische und englische Aristokraten ein Statussymbol. Damals signalisierte er Wohlstand: „Seht her! Ich kann es mir leisten, dieses Land nicht zu nutzen!“ Bis heute erfüllt er eine repräsentative Funktion, der Rasen vor dem weißen Haus wirkt auch in trockenen Sommern gepflegt.

          Ein Albtraum aus Löwenzahn und Gänseblümchen 

          Für Wolfgang Prämaßing, Leiter der Fakultät für Angewandte Rasenwissenschaften an der Universität Osnabrück, zählt in der Dürre besonders, wie der Rasen gegossen wird. Er rät, nur rund alle vier Tage zu wässern, spätabends oder in den frühen Morgenstunden, und dafür in großer Menge. Täglich schadet das, die Wurzel hat dann keinen Anreiz, tief zu wachsen. Sticht man die Grasnarbe auf, sollten die oberen 15 Zentimeter feucht sein. „Das hängt auch von der Bodenbeschaffenheit ab“, sagt er. Die Halme bestehen zu 90 Prozent aus Wasser. Bei Trockenheit können die Gras-Zellen ihren Innendruck nicht aufrechthalten. Das nutzt der kluge Gärtner als Indikator: Er tritt die Halme platt. Richten sie sich nur schlaff auf, ist es Zeit zu gießen.

          Doch langfristig vermag ihn wohl kein noch so raffinierter Gießtipp vor „Gebrauchsrasen für Trockenanlagen“, Regel-Saatgut-Mischung 2.2.1, zu bewahren – ein Jammer. Ein Lichtblick ist exotische Zuwanderung: Das Gras Zoysia beispielsweise stammt aus Asien und verträgt Trockenheit und arme Böden. „Auch das Hundszahngras Cynodon dactylon bildet hübsche, graugrüne und trockentolerante Teppiche aus“, schreibt Gartendesignerin Annette Epple. Ihr Ratgeber „Genießen statt Gießen“ weist einen Weg aus dem Rasen-Dilemma und animiert, der drögen Monokultur Zierrasen ein Ende zu machen. Was man früher Unkraut schimpfte, wie Löwenzahn und Gänseblümchen, schafft heute einen lebhaften Kräuterrasen. Aparte Bodendecker wie Thymian, Hauhechel oder Teppichverbene lindern den Trennungsschmerz. In Zeiten häufigerer Extremlagen muss wohl auch der Vorgarten wild werden.

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