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Alles im grünen Bereich : Ein explosives Schlitzohr

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Ein uralter Tipp unter Gärtnern lautet: Bist du dir nicht sicher, nimm ein Geranium. Mich hat das bisher nicht überzeugt. Doch dann kam es ganz von allein.

          Was der Gärtner sich wünscht und was er bekommt, ist häufig nicht dasselbe. Vor einiger Zeit klagte ich an dieser Stelle, dass es mir partout nicht gelingen will, in meinem Garten Winterlinge anzusiedeln. Der Leser Hellmut E. aus Kassel schickte mir daraufhin ein Tütchen voller Samen und schrieb dazu, auch bei ihm habe es mit dem Vergraben von Knollen nie geklappt. Mit dem Aussäen aber immer. Herzlichen Dank, ich werde das probieren.

          Umgekehrt haben mich Geranien bislang ziemlich kaltgelassen. Damit meine ich nicht die zuhauf angebotenen üppigen Balkonpflanzen, die in Wahrheit zur Gattung Pelargonium gehören. Sondern die bescheideneren Vertreter der Storchschnäbel, die zur weiteren Verwirrung in botanischer Nomenklatur nach dem griechischen Wort „geranos“ für Kranich benannt sind. Gartenbuchautoren singen immer ein hohes Lob auf sie, weil sie selbst an schwierigen Standorten, also beispielsweise im trockenen Schatten unter Bäumen, gedeihen. Die britische Schriftstellerin Margery Fish, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Idealbild eines Hausgartens propagierte, der auch ohne fremde Hilfe zu bewältigen war, schrieb einmal: „Wenn Sie sich nicht sicher sind, nehmen Sie ein Geranium.“ Die Gattung umfasst rund vierhundert Arten, kommt auf allen Kontinenten und in ungezählten Zuchtformen vor und wird so ziemlich mit allen Standorten fertig. Dem Nachbarn ist es gelungen, mit einer einzigen Sorte große Teile seines Hanges zu besiedeln, an dem sich vorher nur der Giersch wohl gefühlt hat.

          Mit dem Ackerbau kam der Storchschnabel. Und er blieb

          Nicht einmal das konnte mich überzeugen. Irgendein hartnäckiges Vorurteil hinderte mich daran, das Thema Geranium ins Auge zu fassen. In solchen Fällen entwickelt ein Garten auf geheimnisvolle Weise Strategien, um den Besitzer eines Besseren zu belehren. Wie aus dem Nichts hat sich in diesem Jahr ein Gewächs ausgebreitet, das sonst nur vereinzelt vorkam und von mir stets als Unkraut ausgerissen wurde. Es handelt sich um den Schlitzblättrigen Storchschnabel (Geranium dissectum). Er bringt nur kleine, dafür umso hübschere rotviolette Blüten hervor und gehört zu den sogenannten Xeroballochoren, auf Deutsch Austrocknungsstreuern, die ihren Samen explosionsartig verteilen. Ursprünglich am Mittelmeer heimisch, hat er sich als Archäophyt mit dem Ackerbau in ganz Mitteleuropa ausgebreitet. Und jetzt sogar in meinen Garten. Auf Lehmboden fühlt sich der Schlitzblättrige Storchschnabel besonders wohl, den findet er bei mir. Eine gewisse Schlitzohrigkeit ist ihm nicht abzusprechen.

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