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Alles im grünen Bereich : Wie ordinär ist Gelb?

Bild: Illustration Charlotte Wagner

Der Vorfrühling bringt die ersten Blüten. Damit kommt die Farbe in den Garten. Manchen ist das schon wieder zu knallig.

          Der Vorfrühling kommt, doch er kommt in diesem Jahr nur zögerlich. Man sieht das an den Winterlingen, von denen sonst um diese Zeit manchmal schon ganze Teppiche zu sehen sind. Bislang zeigt sich, wenn überhaupt, allenfalls hier und da eine Blüte. Eranthis hyemalis ist ein typisches Hahnenfußgewächs, das als Sprossknolle überdauert. Es liefert Nektar und Pollen, sobald die Sonne scheint, und steigt die Temperatur auf mehr als zehn Grad plus, stellen sich die ersten Bienen und Hummeln ein. Das leuchtende Gelb bedeutet für sie: Der Tisch ist gedeckt.

          Gelb blüht auch die Chinesische Zaubernuss (Hamamelis mollis), und das sogar noch bei eisiger Kälte. Sie verströmt zudem einen honigsüßen Duft, aber meist vergebens, denn auf Insekten kann sie unter derartigen Umständen nicht hoffen. Dieses Schicksal teilt sie mit dem Winterjasmin Jasminum nudiflorum, der ebenfalls hart im Nehmen ist, aber hierzulande kaum Aussicht auf Bestäubung hat. Und selbst die knallgelbe Forsythie, die später an der Reihe ist, wird von den meisten Insekten gemieden.

          Strenggenommen gehören alle vier Pflanzen nicht in unsere Breiten, sondern sind irgendwann als Neophyten eingeführt und in den Gärten gehätschelt worden, weil sie einen so unübersehbaren Farbakzent setzen. Kurioserweise scheiden sich da die Geister. Manchen kultivierten Gartenfreunden erscheint Gelb geradezu als ordinär. Nur Anfänger und kindliche Gemüter ließen sich davon blenden. Goethe räumte zwar ein, dass es die Farbe sei, die dem Licht am nächsten stände, jedoch nur in ihrer höchsten Reinheit. Schon durch eine geringe Beimengung werde das Gelb beschmutzt und der „schöne Eindruck des Feuers und des Goldes in die Empfindung des Kotigen verwandelt und die Farbe der Wonne zur Farbe des Abscheus und Missbehagens verwandelt“.

          Edel sei der Anblick, nützlich und gut

          Goethe war ungemein stolz auf seine Farbenlehre und hielt sie für bedeutender als alles, was er in Poesie und Prosa zu Papier gebracht hatte. Er schuf einen eigenen Farbkreis, der dem des Physikers Isaac Newton diametral entgegenstand und die Emotion des Betrachters miteinbezog. Vernunft und Verstand stellte Goethe Phantasie und Leidenschaft gegenüber, jeweils differenziert durch die Eigenschaften gemein, unnötig, schön, edel, gut und nützlich.

          Die Lüneburger Landschaftsarchitektin Pamela Münch hat nach diesen Vorstellungen im Rahmen eines Wettbewerbs 2012 einen Schaugarten auf Gut Stockseehof gestaltet und dort die entsprechenden Blütenfarben zusammengestellt. Als „gemein sinnlich“ kann demnach der Rittersporn Delphinium belladonna ’Piccolo‘ gelten, als „unnötig phantastisch“ die Katzenminze Nepeta × faassenii ’Six Hills Giant‘, als „edel vernünftig“ das Sonnenröschen Helianthemum ’Luise Reuss‘ und als „nützlich verständig“ die Fackellilie Kniphofia uvaria ’Green Jade‘.

          Ich wäre froh, wenn bei mir nur ein einziger Winterling wachsen würde. Über die Jahre hinweg habe ich Knollen gekauft, auch mal ein paar blühende Exemplare aus der Landschaft entwendet, wo er sich gelegentlich ganz von allein ausbreitet. Nie wurde daraus was. Stattdessen machen sich die Schneeglöckchen in einer Weise breit, die es mir jetzt schon verbietet, Teile meines Gartens zu betreten, um sie beim Heckenschneiden nicht plattzutreten. Um Symbolik scheren sie sich wenig: Sie blühen alle in unschuldigstem Weiß.

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