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Alles im grünen Bereich : Vom Segen des Halbschattens

Hier bin ich König! Bild: Charlotte Wagner

Die meisten Zier- und Nutzpflanzen wollen ein sonniges Plätzchen. Dort aber machen sie aber bei einem Sommer, wie wir ihn derzeit erleben, schlapp. Ein Hoch auf den schattigen Garten. .

          In seinen Historien erzählt der Geschichtsschreiber Herodot, wie der Perserkönig Xerxes mit seinem Heer nach Griechenland aufbricht und sich dabei merkwürdigerweise in eine Platane verliebt. Der Komponist Georg Friedrich Händel hat die Szene an den Beginn seiner Oper „Serse“ gestellt. In der berühmten Arie „Ombra mai fú“ heißt es:

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Nie war der Schatten

          einer Pflanze

          lieblicher und angenehmer,

          süßer.“

          Zum Dank soll Xerxes den Baum mit Gold und Edelsteinen behängt und einen Wächter zu seinem Schutz abkommandiert haben, was seine Zeitgenossen als Beleg dafür nahmen, dass der König nicht alle Tassen im Schrank hatte.

          So verrückt kommt einem das aber nicht vor, wenn man sich in diesen Tagen im Freien aufhält und weit und breit kein Schatten in Sicht ist. Wie Dachdecker oder Straßenarbeiter das aushalten, ist mir ein Rätsel. Umso dankbarer bin ich für den uralten Kirschbaum, der mittlerweile zwei Drittel meines Gartens beschattet. Das heißt: Ein bisschen Licht lässt er noch durch, was den Aufenthalt unter seinem Blätterdach noch erquicklicher macht. Während der Baum transpiriert und die Luft mit Wasserdampf anreichert, kann der Mensch ein Buch lesen und ein kühles Getränk zu sich nehmen, ohne gleich einen Hitzschlag fürchten zu müssen.

          Sogar für Sonnenanbeter der  Hitzestress

          Im Allgemeinen sagt man ja, ein schattiger Garten mache nur Probleme. Für zirka neunzig Prozent aller Zier- und Nutzpflanzen wird empfohlen, sie an einen sonnigen Platz zu pflanzen. Dort aber machen sie unweigerlich schlapp, wenn mal ein Sommer wie dieser ins Land kommt. Selbst Sonnenanbeter wie der Rosmarin oder der Lavendel geraten dann in Stress, sogar die Dachwurz, die nun wirklich was abkann, kapituliert. Ich selbst bin ohnehin ein Liebhaber des Halbschattens. Da wächst, wenn man ihn lässt, der Waldmeister. Maiglöckchen fühlen sich im lichten Schatten wohl, genau wie Anemonen, Leberblümchen, Schlüsselblumen, verschiedene Farne, eigentlich alle Bewohner des Waldrandes. Und nicht nur die: Auch Kartoffeln wissen es zu schätzen, wenn sie nicht den ganzen Tag in der prallen Sonne verbringen müssen.

          Bäume dagegen streben nach voller Beleuchtung und sorgen so für ein angenehmeres Klima. In den überheizten Städten sind sie ein Segen. Umgekehrt profitieren manche Bäume von der urbanen Erwärmung. Forscher der Columbia University haben Setzlinge von Roteichen im New Yorker Central Park und hundertsechzig Kilometer nördlich davon in den Catskill Mountains ausgepflanzt, wo es am Tage im Durchschnitt 2,4 Grad und in der Nacht 4,6 Grad kälter ist. In New York legten die Roteichen innerhalb eines Jahres achtmal mehr an Biomasse zu, die gesamte Blattoberfläche und damit die Photosyntheseleistung vergrößerte sich um das Zehnfache. Einen ähnlichen Effekt haben Wissenschaftler der University of California an Pappeln beobachtet. Xerxes hatte schon recht:

          „Nie soll mit grober Axt

          ein schimpflicher Grobian

          einen belaubten Zweig abhacken.“

          Die Arie ist eigentlich für einen Kastraten geschrieben. Doch auch Enrico Caruso hat sie bewältigt, wie eine Aufnahme von 1920 beweist  Aber hören Sie hier selbst.

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