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Alles im grünen Bereich : Vom Mörteln und Mauern

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Um Bienen soll man sich kümmern, heißt es neuerdings. Das kann im Einzelfall ziemlich schwierig werden.

          Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich endlich ein Geländer in Auftrag gegeben habe für die steile Treppe zum Hang hinter dem Haus. Es erschienen drei kräftige Handwerker, die eine Menge Löcher gruben, um Betonfundamente zu gießen. Den Aushub schippten sie in die Gegend, und da liegt er nun in Haufen herum. Normalerweise würde ich ihn verteilen und so schnell wie möglich begrünen, damit man nicht durch den nackten Lehm stapfen muss. Doch dann fiel mir ein Buch des englischen Entomologen Dave Goulsen in die Finger, der unter dem Titel „Wildlife Gardening“ die Kunst beschreibt, im eigenen Garten die Welt zu retten (Carl Hanser Verlag, 2019). Dazu gehört unter anderem, nach Kräften die Insektenpopulation zu fördern. Womit wir wieder bei den Bienen wären, die inzwischen jeder schützen will.

          Wie stellt man das am besten an? Welche sollen es überhaupt sein? In Mitteleuropa gibt es allein fünfzig verschiedene Arten von Mauerbienen. Passende Nistorte für sie zu schaffen sei nicht ganz einfach, räumt Dave Goulsen ein. Manche von ihnen buddeln ihre Höhlen in Sandboden, andere bevorzugen hohle Pflanzenstengel, einige haben sich auf die leeren Gehäuse von Schnirkelschnecken spezialisiert. Darin legen sie einzelne Brutzellen an, die mit einem Ei und etwas Pollenvorrat ausgestattet und mit feuchtem Lehm verschlossen werden. Der französische Insektenforscher Jean-Henri Fabre hat das Treiben der Mauernbienenweibchen vor mehr als hundert Jahren in einzigartiger Weise beschrieben. Er verglich es mit der Arbeit eines Gipsers, das Handwerk des Mauerns beobachtete er eher bei den Mörtelbienen, die aus trockener Erde, kleinen Steinchen und Speichel tatsächlich eine Art Zement kneten, der dann in der Sonne zu harten Kugeln verbackt. Blattschneiderbienen tapezieren ihre Brutzellen zusätzlich mit passend zugeschnittenem Pflanzenmaterial aus. Die Zweifarbige Schneckenhausbiene, die ihre Eier in die Häuser von Bänder- und Weinbergschnecken ablegt, tut noch ein Übriges und tarnt ihre Nester sorgfältig mit Grashalmen und Kiefernnadeln.

          Nur mal kurz die Welt retten - das sagt sich leicht dahin

          Die Lehmhaufen in meinem Garten bleiben also erst mal, damit die Bienen was zum Mauern und zum Mörteln haben. Alsdann wären dann aber noch die Furchenbienen und die Spiralhornbienen zu betrachten, die Zottelbienen, Seidenbienen, Maskenbienen, Hosenbienen, Schenkelbienen, Schmalbienen, Pelzbienen und Kuckucksbienen, gar nicht zu reden von den diversen Hummelarten. Und dabei handelt es sich nur um die Überfamilie der Apiformes, die wiederum zu den Hautflüglern zählen, welche ihrerseits nur eine Ordnung innerhalb der riesengroßen Klasse der Insekten darstellen.

          Nur mal kurz die Welt retten – das schreibt und sagt sich leicht dahin. So viel Getöse muss gar nicht sein, wenn man der Natur im Garten auf die Sprünge helfen will. Das weiß auch Goulsen. Es reiche bereits, wenn man all das Gestrüpp und den Gehölzschnitt, der übers Jahr anfällt, nicht verbrennt, sondern aufhäuft und langsam verrotten lässt, heißt es gegen Ende des Buches. Das hält CO2 eine Weile organisch gebunden und bietet Asseln, Spinnen, Schnecken, Springschwänzen, Hundertfüßern und ähnlichem Getier Unterschlupf. Bei ihm daheim sogar einer Kröte, schreibt Goulsen. Das ist doch auch schon was.

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