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Alles im grünen Bereich : Immanuel Kant und die Käfer

Wo lang geht’s`?: Illustration von Charlotte Wagner. Bild: Charlotte Wagner

Das Navigieren nach den Sternen ist eine Kunst, mit der sich der Mensch noch relativ schwer tut. Bei Mistkäfern sieht die Sache jedoch etwas anders aus.

          Zwei Dinge, so heißt es zu Beginn des 34. Kapitels von Immanuel Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, würden das Gemüt mit immer neuer Ehrfurcht erfüllen, je mehr man darüber nachdenke: der bestirnte Himmel und das moralische Gesetz, das wir in uns tragen. Doch mal angenommen, man wäre kein aufgeklärter Mensch, sondern, zum Beispiel, ein Mistkäfer? Wie sähe die Sache dann aus?

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zoologin Marie Dacke von der Universität Lund hat schon immer fasziniert, wie die Vertreter der Gattung Scarabaeus es schaffen, die stattlichen Kugeln, die sie aus den Hinterlassenschaften von Tieren drehen, auf schnellstem Wege nach Hause zu rollen. Sie selbst, schreibt Dacke auf ihrer Homepage, habe einen unglaublich schlechten Orientierungssinn und deshalb herausfinden wollen, nach welchem Kompass sich wohl ein Insekt richtet, dessen Gehirn nicht größer als ein Streichholzkopf ist (www.biology.lu.se/marie-dacke). Bei ihren Forschungen stieß sie unter anderem auf den südafrikanischen Scarabaeus satyrus, der vorwiegend nachts unterwegs ist. Die Käfer können schon von weitem riechen, wenn irgendwo ein Haufen Dung herumliegt, und strömen dann in Scharen herbei. Der Andrang ist groß, nicht selten jagt ein Konkurrent dem anderen seine fertiggerollte Kugel wieder ab. Allzu viele Umwege kann sich der Skarabäus also nicht leisten. Tatsächlich marschiert er mit seiner Beute erstaunlich zielstrebig davon. Das setzt voraus, dass er sich an irgendetwas orientiert.

          Was weist ihnen den Weg?

          Die naheliegendste Vermutung war, dass sich S. satyrus an den Kronen hoher Bäume oder anderen Landmarken ausrichtet. Um das zu prüfen, führte Marie Dacke vor zehn Jahren in einem Wildreservat südwestlich von Johannesburg mehrere Versuche durch. Unter freiem Himmel markierte sie Kreise mit zwei Metern Durchmesser, setzte die Käfer mitsamt ihrer Kotkugel in die Mitte und zeichnete die Wege auf, die sie einschlugen. Die Probanden trödelten nicht lange herum und brauchten im Schnitt bloß 1,20 Meter, bis sie den Rand erreicht hatten. Das Versuchsfeld wurde anschließend mit schwarzen Stoffbahnen verhängt, die den Mistkäfern nur noch den Blick senkrecht nach oben ermöglichten. Das brachte sie keineswegs aus dem Konzept. War es der Mond, der ihnen den Weg wies? Nein, auch in Neumondnächten fanden sie sich bestens zurecht. Allerdings nur bei sternenklarem Himmel. War er dagegen von Wolken verdeckt, eierten sie erratisch umher.

          Dacke machte die Probe aufs Exempel und verlegte ihre Experimente ins Planetarium von Johannesburg, wo sie den Skarabäen nacheinander einen kompletten Sternenhimmel, dann nur die hellsten 18 Sterne und schließlich das diffuse Band der Milchstraße unter Ausschluss der prominenten Sterne vorspielte. Das Ergebnis war eindeutig: Mistkäfer folgen nicht, wie die Heiligen Drei Könige, einzelnen oder mehreren Leitsternen, sondern orientieren sich am Gesamtbild der Milchstraße. Welchem inneren Gesetz sie sonst noch gehorchen, wurde nicht untersucht. Besonders moralisch kann es nicht sein, sonst wäre der Dungdiebstahl unter Skarabäen nicht so verbreitet.

          Das Navigieren nach Sternen ist eine Kunst, die auch Zugvögel und andere Tiere beherrschen. Nur der Mensch tut sich damit zunehmend schwer. Sein bestirnter Himmel ist dem Kunstlicht gewichen, das nahezu alles überstrahlt.

          Orientiert sich nachts an den Sternen: Der Mistkäfer.

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