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Alles im grünen Bereich : Heilen nach Doktor Zimpel

Bild: Charlotte Wagner

Gänseblümchen kennt jeder. Aber nicht jeder weiß, was man alles damit anstellen kann.

          Das Gänseblümchen, schrieb ich vergangene Woche, helfe bei der Erledigung wichtiger Aufgaben. Das ist aber längst nicht alles. Bellis perennis ist der lebende Beweis dafür, dass buchstäblich ein Kraut gegen fast alles gewachsen ist. Die Liste der Anwendungen dieses bescheidenen Gewächses ist schier endlos und reicht zurück bis ins Mittelalter. Der Botaniker Leonhart Fuchs empfahl es im 16. Jahrhundert bei Hüftweh und Kropf, sein Zeitgenosse Adamus Lonicerus fügte Leberleiden, Cholera, Hautflecken und Geschwulste hinzu, Pietro Andrea Mattioli, der Leibarzt Kaiser Maximilians II., hob die wundheilenden Eigenschaften hervor und verordnete eine Salbe aus gesalzener Butter, Gänseblümchen und jungen Pappelblättern gegen Gicht.

          Im Volk verbreitete sich die Überzeugung, dass ein Extrakt aus der Pflanze für Abtreibungen verwendet werden könne. Auch als Blutreinigungsmittel bei Frühjahrskuren sei das Gänseblümchen hilfreich, ferner bei Erkältungen, Angina, Asthma, Bronchitis, Verstopfung, Gelbsucht, Nierenleiden, Rheuma, Hautflecken, Wunden, Furunkeln, Wassersucht, Scheidenausfluss sowie schmerzhafter Menstruation. Die Palette wurde noch einmal durch die Homöopathen erweitert, die Gänseblümchenpräparate gegen Verrenkungen, Akne, Phlegmone, Überanstrengung, Entzündungen des Darms und Blutschwamm mixten.

          Wer die wundersame Heilkraft des Gänseblümchens in geballter Ladung kennenlernen möchte, kann seinen Apotheker auch fragen, ob er ihm „spagyrische Bellis-perennis-Essenz nach Dr. Zimpel“ besorgen kann. Carl-Friedrich Zimpel, 1801 in Sprottau in Niederschlesien geboren, war ein Eisenbahntechniker und preußischer Infanterieoffizier, dem das Kunststück gelang, als Gasthörer der Universität Jena sowohl zum Doktor der Philosophie als auch der Medizin zu promovieren, ohne das Arztfach jemals studiert zu haben. Eine Niederlassung in Deutschland wurde ihm untersagt, weshalb er seine Wirkungsstätte nach Italien verlegte, wo er allerdings nur Ausländer behandeln durfte.

          Alchemie ist, wenn man fest daran glaubt

          Zimpel war der Meinung, ein Universalmittel zur Heilung aller Krankheiten und Verlängerung des Lebens gefunden zu haben. Er berief sich dabei auf den Renaissancegelehrten Theophrastus Bombast von Hohenheim, der unter dem Namen Paracelsus bis heute höchstes Ansehen in der Ärzteschaft besitzt. Nach Paracelsus resultieren sämtliche Malaisen aus einem Ungleichgewicht von Körper, Geist und Seele. Die Kunst der „Spagyrik“ (von griechisch spao, „ich ziehe“, und ageíro, „ich sammle“) bestehe nun darin, eine dem Erscheinungsbild der Krankheit ähnliche Pflanze zu finden, die einem alchemistischen Reinigungsprozess unterzogen wird, bei dem die drei Grundprinzipien durch Gärung, Destillation und Verglühen der Rückstände zunächst getrennt und durch Vereinigung von Asche und Destillat mit anschließender mehrfacher Filtration wieder zusammengeführt werden. Die Tinktur werde dadurch potenziert und wirke tausendmal besser als das Ausgangsmaterial.

          Macht man das mit dem Gänseblümchen, erhält man ein Mittel, das unter anderem gegen sexuelle Irritationen beim Einsetzen der Pubertät helfen soll. Ich persönlich halte es eher mit dem verbreiteten Glauben, dass der Frühling erst richtig da ist, wenn man mit einem Fuß auf sieben Gänseblümchen gleichzeitig treten kann.

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