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Alles im grünen Bereich : Enthaltsam wie der Löwenzahn

Bild: Charlotte Wagner

Die Pusteblume hat schon so machen Gärtner in Rage gebracht. Der Botaniker bewundert sie umso mehr.

          In Hamburg wohnte ich jahrelang zur Miete in einem Haus mit Garten. Die Besitzerin, schon etwas tüddelig im Kopf, kam ziemlich häufig vorbei. Und wenn es so weit war, fiel hanseatisch spitz unweigerlich der Satz: „Mein Gott, wir ers-ticken noch im Löwenzahn!“ Nein, sagte ich dann, am Löwenzahn ist noch niemand erstickt, was sie missbilligend zur Kenntnis nahm.

          Kindliche Seelen freuen sich beim Anblick der knallgelben Butterblumen. Die meisten Gärtner sehen sie weniger gern und mühen sich mit dem Ausstechen der fleischigen Pfahlwurzeln ab, die immerhin einen Meter und mehr in die Tiefe reichen können. Es sind zu diesem Zweck etliche Gerätschaften erfunden worden, die allesamt wenig taugen. Die Blütenstände des Löwenzahns öffnen sich vollständig nur bei Sonne und schließen sich rasch, wenn dunkle Wolken aufziehen. Ohnehin ist die Pracht rasch vorbei, denn bereits nach wenigen Tagen beginnt die Pflanze, Früchte zu bilden. Das sind die wohlbekannten Fallschirme, auf die der Name „Pusteblume“ verweist. Der Wind trägt sie mühelos fort, und man kann es sich schwer mit dem Nachbarn verderben, wenn man den Bestand ins Kraut schießen lässt.

          Sein Fortpflanzungsverhalten ist mehr als seltsam. Das macht den Löwenzahn so zäh

          Unter Naturschützern gilt der Löwenzahn als Zeigerpflanze für überdüngte Wiesen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich verträgt er eine Ladung Gülle ebenso gut wie die Nährstoffarmut karger Böden. Diese Anpassungsfähigkeit kommt nicht von ungefähr, denn der Gewöhnliche Löwenzahn (Taraxacum officinalis) legt ein ungewöhnliches Fortpflanzungsverhalten an den Tag. Schätzungsweise zwei Drittel aller Individuen besitzen einen dreifachen (triploiden) Chromosomensatz und vermehren sich „apomiktisch“, das heißt, auf ungeschlechtlichem Wege. Die Nachkommen besitzen also identisches Erbgut. Auch gelegentlich auftretende Mutationen werden an die nächsten Generationen weitergegeben, was dazu führt, dass sich im Handumdrehen neue Sippen bilden. Manche Pflanzensystematiker fassen sie zur Sektion Ruderalia zusammen, andere unterscheiden bis zu zwanzig Dutzend Kleinarten. Um die Sache noch komplizierter zu machen, können an ein- und demselben Standort Exemplare mit zweifachem (diploidem) Chromosomensatz vorkommen, die sich anders als ihre Genossen sexuell vermehren. Daraus gehen häufig Tetraploide hervor, die, mit Diploiden gekreuzt, wiederum triploide Nachkommen zeugen. Eine Einführung in dieses unübersichtliche Thema findet der Interessierte in den „Mitteilungen zur floristischen Kartierung in Sachsen-Anhalt“, verfasst von Ingo Uhlemann .

          Auch wenn die Löwenzähne im Laufe der Zeit mehrheitlich dem Sex abgeschworen haben, bringen sie trotzdem Nektar hervor. Der Stoff ist im zeitigen Frühjahr unter Bienen hochbegehrt obwohl es da gar nichts zu befruchten gibt. Das deutet darauf hin, dass die Enthaltsamkeit des Löwenzahns evolutionär jüngeren Datums sein muss, sonst hätte er die Nektarproduktion längst eingestellt. So verzichtet er einstweilen nur auf den Pollen, was sich jedoch nicht allgemein herumgesprochen hat. Jahr für Jahr, wenn die Allergiesaison beginnt, wählen Redakteure auf der Suche nach einem Symbolbild für ihre Artikel das Foto einer Pusteblume. Die Techniker Krankenkasse ist da schon etwas, wenn auch nicht sehr viel weiter: Sie nennt ihre Allergiker-App wenigstens „Husteblume“.

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