https://www.faz.net/-gwz-94n9t

Alles im grünen Bereich : Der Rasen des Sisyphos

Bild: Charlotte Wagner

Das perfekte Grün im Garten ist und bleibt eine Illusion. Aber eine, der sich nachzujagen lohnt.

          Vor ein paar Wochen berichtete ich von meinen Bemühungen, den Klee im Rasen kleinzukriegen. Die Leserin Marie-Luise Gerichten-Auers, erklärter Fan dieser Kolumne, fand das ausnahmsweise gar nicht gut: „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Sie wissen sicher, dass die kleinen weißen Blüten des Klees alljährlich im Spätsommer beinahe die einzige Nahrung für Hummeln und Bienen darstellen. Die sollte man ihnen nicht auch noch mit Di-chlor-pipapu nehmen.“

          Wo die Leserin recht hat, hat sie recht. Zu meiner Entschuldigung möchte ich anführen, dass ich in letzter Konsequenz auf den Einsatz von Herbiziden verzichtet habe. Und dass von insgesamt achthundert Quadratmetern, die ich beackere, nur knapp ein Zehntel mit Rasen bedeckt ist. Mehr wäre mir zu viel. Aber dort, wo er wächst, blüht mein Ehrgeiz. Perfekt will ich ihn haben. Eine Marotte, ich weiß. Aber eine, mit der ich nicht alleine bin.

          Im achten Band von Asterix und Obelix verschlägt es die Gallier zu den Briten, die neben der Gewohnheit, Punkt fünf Uhr nachmittags eine Tasse heißes Wasser mit einem Tröpfchen Milch zu schlürfen, noch eine Reihe anderer Schrullen pflegen. Da beugt sich ein distinguierter Landmann zu Boden, um mit einer Handsichel einen vorwitzigen Grashalm zu köpfen, und denkt dabei weit voraus in die Zukunft. „Nach zweitausend Jahren Pflege wird mein Rasen wohl recht annehmbar sein“, sagt er sich. Im nächsten Bild stürmt wie aus dem Nichts eine römische Patrouille über das Gelände und hinterlässt böse Furchen. Da wird der Mann zur Furie, und man kann es ihm nicht verdenken: Einen englischen Rasen zu schänden ist ungefähr so, als ob man der Queen schmutzige Witze erzählt.

          Der Höhepunkt britischer Rasenkultur lässt sich alljährlich bei den Lawn Tennis Championships in Wimbledon bewundern, dem ältesten Tennisturnier der Welt und dem einzigen Grand Slam, der auf Rasen ausgetragen wird. Zwei Wochen lang trampeln dort die Profis die Halme nieder, und es grenzt an ein Wunder, wie die Helfer es immer wieder schaffen, die Plätze in Form zu halten. Von ihrer Kunst hängt es ab, ob die Spieler auf die Nase fallen oder die Arme in die Höhe reißen.

          Natur? Schön und gut. Aber ein Garten gehört zur Kultur

          Bei mir hängt eigentlich gar nichts davon ab, wie der grüne Teppich daherkommt. Außer meinem seelischen Gleichgewicht. Im Garten wächst einem ja praktisch alles über den Kopf, und als Gegengewicht legt einzig der Rasen Zeugnis darüber ab, dass man der Sache irgendwie noch Herr ist. Natur? Schön und gut. Aber ein Garten gehört per Definition und seinem ganzen Wesen nach zur „cultura“, was auf Lateinisch sinngemäß Bearbeitung, Pflege, Veredelung und sogar Verehrung bedeutet und im weitesten Sinne alles das umfasst, was „der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur“ (Wikipedia).

          Der perfekte Rasen ist in Wahrheit ein unerreichbares Ziel, wie der Felsbrocken, den Sisyphos ewig den Berg hinaufwälzt, bis er, fast schon am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal rollt. Ein derart vergeblicher Kampf kann ein Menschenherz ausfüllen, heißt es bei Camus, und deshalb müsse man sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Auch wenn in diesem Falle ein paar Kleepflanzen auf der Strecke bleiben.

          Weitere Themen

          Mars bläst abermals Methan in die Luft

          Rätselhafter Gasausstoß : Mars bläst abermals Methan in die Luft

          Der Marsrover „Curiosity“ hat abermals Methangas auf dem Roten Planeten gemessen. Dieses Mal war die Gasmenge besonders groß. Doch woher stammt der einfache Kohlenwasserstoff, der auf der Erde überwiegend aus blolgischen Quellen stammt?

          Ein Gesetzbuch für Roboter

          FAZ Plus Artikel: Regulierung der KI : Ein Gesetzbuch für Roboter

          Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Dabei sollte sie fair, sicher und nachvollziehbar eingesetzt werden. Was aber, wenn sich technische Systeme selbst überwachen? Politik, Wissenschaft und Wirtschaft suchen nach einer Antwort.

          Topmeldungen

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          „Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

          Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.