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Alles im grünen Bereich : Der Odem des Lebens

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Jetzt ist der Gärtner wieder gefordert, der Boden will beackert werden. Das fällt nicht immer leicht.

          2 Min.

          Vor der Rückkehr sibirischer Kaltluft ist man zu dieser Jahreszeit nicht gefeit. Wenn das der Fall ist, greife ich gern zu einer Lektüre, die mir sagt, was jetzt dringend zu tun wäre. „Im Vorfrühling ist es Zeit, die Bodenbearbeitung für die kommende Saison vorzunehmen“, lese ich in dem Monatsbrief, den der Edelhändler Manufactum regelmäßig verschickt. Dazu braucht man laut Kaufempfehlung unbedingt: einen Flachschneider, eine schwedische Radhacke, einen Sauzahn, einen Rollkultivator, eine Harke, einen Rechen, ein Durchwurfsieb und einen Feinkompostierer, mit dem sich das Grobe vom Feinen trennen lässt. Bei einigem Nachdenken fielen mir noch ein: Gummistiefel, Handschuhe, Mütze, Schal, Spaten, Schaufel, Eimer, Sand, Kalk, Pflaster, Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Stiefelknecht, um die Gummistiefel wieder loszuwerden, sowie Schmerzgel, um den Rücken wieder gerade zu kriegen. Und ich bin sicher: Hätte ich das alles irgendwann zusammen, würde im entscheidenden Moment doch was fehlen.

          Vor Jahren habe ich es mal geschafft, beim Versuch, den noch halbgefrorenen Kompost umzusetzen, eine Forke mit einem Stiel aus angeblich unzerstörbarem Spezialkunststoff entzweizuhebeln. Man fragt sich, wie das Friedhofspersonal es nach einer längeren Frostperiode fertigbringt, die Gräber auszuheben. Angeblich schaffen sie das mit Presslufthämmern, es ist auch schon jemand auf die Idee gekommen, ein ordentliches Feuer anzulegen, um den Boden aufzutauen. Wo das alles nichts hilft, ist Improvisation gefragt; aus dem Alpenraum wird berichtet, dass der Großvater, wenn er zur Unzeit starb, kurzerhand in den ungeheizten Stall getragen wurde, wo er dann bis zur nächsten Schneeschmelze blieb.

          Ein Gärtner muss vor allem eins mitbringen: Geduld

          Ungeduld ist kein guter Ratgeber, schon gar nicht bei der Gartenarbeit. Ein jegliches hat seine Zeit, heißt es beim Prediger Salomo (Kapitel 3, Vers 1-13), und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden und sterben, pflanzen und ausreißen, brechen und bauen. Von Geduld ist überhaupt viel die Rede in der Bibel, es scheint so, als ob Gott nicht genug davon geschaffen hat, obwohl er doch mit der Zeit so großzügig war.

          Gut Ding will Weile haben. Aber dann! Den Übergang vom Herbst zum Winter nehmen wir noch schleichend wahr, da riecht es mal nach Pilzen, mal nach faulenden Äpfeln, nach letzten Chrysanthemen oder moderndem Laub. Doch wenn der Frühling die ersten warmen Sonnenstrahlen bringt, wird schlagartig ein ganz bestimmter Geruch freigesetzt. Wir schnuppern und sagen sofort: nach frischer Erde. Verantwortlich dafür sind Bakterien der Gattung Streptomyces, die, sobald sie munter werden, einen bicyclischen Alkohol namens Geosmin produzieren. Das ist auch der Geruch, der in der Luft hängt, wenn nach längerer Trockenheit Regen fällt (man nennt ihn dann „Petrichor“, von griechisch „petros“ wie Fels und „ichor“, also jener Flüssigkeit, die angeblich in den Adern der Götter fließt).

          Die menschliche Nase nimmt Geosmin schon wahr, wenn sich nur ein einziges Molekül davon unter zehn Milliarden Luftmoleküle mischt. Erst recht reagieren Tiere auf den flüchtigen Stoff, der ihnen ankündigt, es sei jetzt Zeit, in die Strümpfe zu kommen. Frühlingsduft ist der Odem des Lebens. Jedes Mal ein Wunder.

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