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Alles im grünen Bereich : Der darf uns wurmen

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Dass der Regenwurm ein Nützling und deshalb schützenswert ist, weiß heute jedes Kind. Doch das Verhältinis des Menschen zu dem glitschigen Bodenbewohner war nicht immer so harmonisch.

          2 Min.

          Vergangene Woche schrieb ich an dieser Stelle, in Deutschland würden 46 verschiedene Arten von Regenwürmern vorkommen. Das ist nicht ganz der aktuelle Kenntnisstand: Nach einer Mitteilung der Senckenberg Gesellschaft von Ende 2016 sind es vielmehr 47. Bei einer Bestandsaufnahme zur Erstellung einer Roten Liste der Bodenlebewesen war man unter anderem auch auf Aporrectodea smaragdina gestoßen, eine spektakulär grün gefärbte Art, die lokal begrenzt im Alpenraum vorkommt. Die exklusivste Art, die dieses Land vorzuweisen hat, also gewissermaßen der Panda unter den Wenigborstern, ist jedoch der Badische Riesenregenwurm Lumbricus badensis, ein im ausgestreckten Zustand bis zu sechzig Zentimeter langer Vertreter, der endemisch in einem kleinen Areal rund um den Feldberg lebt. Er kann an die zwanzig Jahre alt werden und betreibt sogar eine Art Brutfürsorge, indem er seine Kokons in die Seitenkammern seiner Wohnröhre ablegt.

          Gärtner und Biolandwirte werden nicht müde, das Hohelied des Regenwurms zu singen, der die Erde mit seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit, aber ebenso großer Ausdauer lockert und noch dazu durch seine Ausscheidungen feinsten Dünger produziert. Doch das Verhältnis zwischen Mensch und Wurm war nicht immer so harmonisch; im Rückblick kann man es über Jahrhunderte hinweg bestenfalls als indifferent bezeichnen. Man müsse sie im Garten so wenig wie nur möglich leiden, heißt es von den Regenwürmern in einem Buch über die Blumengärtnerei aus dem Jahre 1715, „denn diese zernagen die Wurzeln an den Gewächsen, wann sie daran hangen“. Man warte also, bis es geregnet hat, denn dann kämen sie aus ihren Löchern hervor, und man könne sie „mitten voneinander schneiden“. Auch mit dem Sud von grünen Walnüssen solle man ihnen, wo es geht, zu Leibe rücken.

          Ein deutscher Meeresbiologe erkannte die ökologische Bedeutung des Regenwurms

          Die ökologische Bedeutung des Regenwurms wurde erst durch Victor Hensen (1835 bis 1924)* erkannt, einen deutschen Meeresbiologen, der dazu 1871 in Rostock einen Vortrag vor der Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte hielt. Charles Darwin erwähnt ihn mehrfach lobend in seiner letzten Veröffentlichung über „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“, die gleichfalls zur Verbesserung des Wurm-Renommees beitrug.

          Bis sich das in vollem Umfang herumsprach, sollten weitere Jahrzehnte vergehen. Große Verdienste darum hat sich in Deutschland vor allem der Zoologe Otto Graff (1917 bis 2014) erworben, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg an der Forschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig intensiv mit den Fragen der Humus- und Kompostwirtschaft beschäftigt hat; sein Lexikon für Freunde der Bodenbiologie („Unsere Regenwürmer“, Hannover 1983) gilt als Standardwerk.

          Die Fackel der Lumbricidologie wurde von Otto Graffs Schülern weitergetragen, mit dem Ergebnis, dass der einst geschmähte Wurm trotz seines glitschigen Wesens heute selbst unter Kindern als Sympathieträger durchgeht. In Staffel 1 Folge 2 von „Biene Maja“ wirkt er zwar anfangs ein wenig depressiv, weil er nicht genau weiß, wozu um alles in der Welt er überhaupt taugt. Doch dann schlägt er im Wettfressen alle anderen Tiere und versöhnt sich am Ende trotz existentieller Bedenken mit seinem untergründigen Dasein.

          * Korrigiert am 9.10.2018. Danke an unsere aufmerksame Leserin Franziska Krebs.

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