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Alles im grünen Bereich : Das Geheimnis der Mistel

Bild: Charlotte Wagner

Die Nachbarn haben jetzt wieder einen Mistelzweig aufgehängt. Allzu oft küssen sie sich nicht darunter. Aber der Brauch soll ja auch anderweitig helfen.

          Viscum album gehört zu den wenigen immergrünen Pflanzen Mitteleuropas und trägt im Dezember weiße Früchte, was die Hoffnung weckt, dass das Leben irgendwie schon weitergehen wird. Als Halbschmarotzer betreibt die Mistel eine eigene Photosynthese, entzieht ihrem Wirtsbaum aber Wasser und Nährstoffe, was in Trockenjahren und bei schlechter Wasserversorgung zum Absterben einzelner Äste oder ganzer Kronenpartien führen kann. Der Naturschutzbund Nabu hat beobachtet, dass sich die Unterart der Laubholzmistel (V. album subsp. album) in letzter Zeit vermehrt in Obstbaumbeständen ausgebreitet hat. Auch Kiefern können leiden, wenn sie von der Unterart V. austriacum befallen werden.

          Die ungewöhnliche Erscheinungsform des Strauches hat die Phantasie der Menschen seit eh und je beflügelt. Den keltischen Druiden galt die Mistel, wenn man den Berichten des römischen Naturforschers Plinius des Älteren glauben darf, als Wundermittel, das in einem umständlichen Ritual mit einer goldenen Sichel geerntet werden musste. Über den Verwendungszweck gibt es keine seriösen Quellen, der Zaubertrank jedenfalls, der Asterix und Obelix übermenschliche Kräfte verleiht, wird es nicht gewesen sein. Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Lehre, hat gegen Ende des Ersten Weltkriegs „aus unmittelbarer geistiger Forschungsanschauung“ geschlossen, dass Mistelextrakte sich zur Behandlung von Krebserkrankungen eignen müssten. Die Herstellung entsprechender Präparate soll möglichst zu Weihnachten und im Hochsommer erfolgen, in einem komplizierten Prozess, bei dem sich die Wirkkräfte der jeweiligen Chargen in einem Rotationsgefäß potenzieren.

          Man muss schon fest an die Macht der Geister glauben

          Evidenzbasierte Medizin ist das nicht. Man muss schon fest daran glauben, dass beim Auftreten von Tumoren fiese ahrimanische Geister am Werk sind, die das Zusammenspiel von Äther- und Astralleib durcheinanderbringen. Nach aktueller Deutung hausen sie in unterirdischen Festungen und traktieren die Menschen Nacht für Nacht mit ungutem Mond-Äther. Etwas weniger esoterisch kommt die Phytomedizin daher, bei der es auf die Inhaltsstoffe ankommt. Als Wirksubstanz wird das Mistellektin genannt, das den Krebs zwar nicht ursächlich bekämpfen, aber wenigstens die Lebensqualität der Patienten verbessern soll.

          Der inzwischen emeritierte Komplementärmediziner Edzard Ernst von der Universität Exeter hat einmal alle verfügbaren Untersuchungen zu diesem Thema ausgewertet und kam dabei zu dem Schluss, dass Mistelpräparate umso weniger Wirkung zeigten, je besser die Studien konzipiert waren. Seinen Lehrstuhl war er wenige Jahre später los, weil er sich ähnlich kritisch zu einem Bericht geäußert hatte, den Prince Charles in Auftrag gegeben hatte, um die Vorteile von alternativen Therapien zu beweisen. Ernst handelte sich eine Untersuchung wegen akademischen Fehlverhaltens ein, die Finanzierung seiner Forschung wurde gestoppt. Im Ruhestand nahm er kein Blatt mehr vor den Mund und schmähte den britischen Thronfolger als „Schlangenölverkäufer“.

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