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Alles im grünen Bereich : Das dicke Ende kommt noch

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Vom Winter kann bislang kaum die Rede sein. Müsste das den Gärtner nicht freuen? Nein, ganz im Gegenteil.

          Um zwei, drei Minuten werden die Tage jetzt jeweils länger. Den Gärtner juckt es in den Fingern. Höchste Zeit, die Hecken zu stutzen und die Bäume zu beschneiden. Allein das Wetter spielt nicht mit. Und das im doppelten Sinne: Der ewig nasse Schmuddel und die untypische Wärme haben dafür gesorgt, dass die ersten Frühlingsboten nicht mehr zu übersehen sind. Wo man auslichten möchte, recken ganze Trupps von Schneeglöckchen ihre Blüten. Die frühesten Meldungen vom Oberlauf der Lippe trudelten beim Deutschen Wetterdienst am zweiten Weihnachtstag ein, der Blühbeginn der Erle wurde am 11. Dezember vermerkt. Die Haselsträucher haben ihre Kätzchen fast schon flächendeckend entfaltet, im Garten hört man schüchternen Vogelgesang.

          Das sind typische Anzeichen für das Einsetzen des Vorfrühlings. Jahrzehntelange phänologische Beobachtungsreihen haben gezeigt, dass er sich in Deutschland um bis zu drei Wochen nach vorn verschoben hat. Das heißt: Der Winter legt kurz nach seinem kalendarischen Beginn auch schon wieder eine Pause ein. Für Gärtner und Landwirte ist das überhaupt kein Grund zur Freude, denn sie können sich darauf verlassen, dass er irgendwann doch wieder zuschlägt, schlimmstenfalls bis in die Apfelblüte hinein, wie im vergangenen Jahr.

          Gemütlich war das Wetter hierzulande noch nie

          Es ist eben nicht so, dass die allseits beklagte Veränderung des Klimas dazu führt, dass es immer und überall nur wärmer wird. Diese schlichte Logik hat sich leider in den Köpfen vieler Menschen eingenistet. Donald Trump beispielsweise meinte angesichts der jüngsten Kältewelle in den Vereinigten Staaten, man könne nun wohl ein bisschen mehr von dem guten alten Treibhauseffekt brauchen, der freilich nur zu dem Zweck erfunden worden sei, Amerika das Geld aus der Tasche zu ziehen. In Wahrheit kann der Klimawandel dafür sorgen, dass sich Dürren und sintflutartige Überschwemmungen ablösen, wie jüngst in Kalifornien. Oder dass, wie kürzlich in Algerien, plötzlich sibirische Kälte nach Süden strömt und es in der Sahara zu schneien beginnt. Gemütlich ist das alles nicht. War es im Übrigen noch nie.

          Im 13. Jahrhundert beispielsweise setzte nach einer längeren Warmperiode eine kühlere Phase ein, die sich zwischen dem späten 16. und dem frühen 19. Jahrhundert zur sogenannten Kleinen Eiszeit verschärfte, die von verringerter Sonnenaktivität begleitet war. Harte Winter wechselten sich mit nasskalten Sommern ab. Es kam wiederholt zu Missernten und Hungersnöten, manche Historiker führen den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges und die Französische Revolution auf die veränderten klimatischen Bedingungen zurück. Aberglaube ergriff Besitz von den Menschen, die hinter einzelnen Wetterkatastrophen schwarze Zauberei am Werk sahen. Erst 1782 wurde im schweizerischen Glarus die letzte Hexe offiziell zum Tode verurteilt. Im selben Jahr dichtete Mathias Claudius sein „Lied, hinter dem Ofen zu singen“:

          „Der Winter ist ein rechter Mann,

          Kernfest und auf die Dauer;

          Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,

          Und scheut nicht Süss noch Sauer.“

          Seitdem ist es weltweit kontinuierlich wärmer geworden. Das allerdings in einem Tempo, das es so wohl noch nie in der Erdgeschichte gegeben hat. Bei mir im Garten sprießen bereits die Osterglocken aus der Erde. Ich fürchte, das dicke Ende kommt noch.

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