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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Humboldts Musen

Das Reisefieber soll Alexander von Humboldt beim Anblick eines Drachenbaums im Berliner Botanischen Garten gepackt haben. Ein Grund, dem Gewächs besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

          2 Min.

          Strand, Café, Bergpanorama: heute locken Selfies irgendwelcher Influencer die Touristenströme in die Ferne. Für Alexander von Humboldt fing alles mit ein paar Topfpflanzen an. Jedenfalls hatte der Anblick eines Drachenbaumes und einer Fächerpalme in ihm einen „ersten Keim unwiderstehlicher Sehnsucht nach fernen Reisen“ gelegt, so gab er später zu Protokoll. Nach dieser „Jugenderfahrung“ in einem alten Turm des Botanischen Gartens bei Berlin schürten Gemälde und die Gespräche mit Georg Forster das Reisefieber. Mit knapp 30 brach er dann nach Südamerika auf. Das war im Jahr 1799. Und da man jetzt überall den 250. Geburtstag des Naturforschers feiert (14. September 1769 – 6. Mai 1859), darf an dieser Stelle an die einflussreiche Gattung Dracaena erinnert werden.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die meisten ihrer 116 Arten gedeihen in den Subtropen und Tropen Afrikas, Madagaskars und Asiens. Es gibt sie aber unter anderem auch auf Kuba, in Zentralamerika, Mikronesien und Australien. Das konnte Humboldt nicht wissen, dass Drachenbäume aber oft als Landmarken dienen, sah er bei seinem Zwischenstopp auf Teneriffa selbst. In Villa da Oratova stand er staunend vor einem ungeheuer dicken Exemplar, das als Referenzpunkt für trigonometrische Langvermessungen genutzt wurde. „Ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres Erdballs“, doch seine Zweige trugen noch immer Blüten und Früchte. Sein Anblick gemahnte Humboldt an „die ewige Jugend der Natur“, die eine unerschöpfliche Quelle von Bewegung und Leben sei. In seinen Berichten erwähnte er auch „Drachenblut“, das in der Ethnomedizin eine Rolle spielt. Er wies schon darauf hin, dass man es aus dem Saft oder Harz verschiedener Pflanzen gewinnt, darunter manche Drachenbäume. Aber Zahnstocher, die einst in Nonnenklöstern gefertigt und damit getränkt wurden, testete er wohl nicht, obwohl die ihm empfohlen wurden.

          Abgesehen davon, sind Drachenbäume beliebte Zier- und Zimmerpflanzen. Wobei das hypersensible Exemplar meiner Jugend eher Melancholie denn Fernweh auslöste. Auch schickte mich weder die trockenheitsresistente Yucca-Palme noch der dem Kalkwasser trotzende Kaktus auf Reisen, vielleicht weil sie nicht anbetungswürdig im Gewächshaus standen, sondern zu Hause dem Wechselspiel aus Übermut und Vernachlässigung ausgesetzt waren. Sie waren mir so vertraut wie die Agave in Opas Vorgarten. Und wenn auf Omas Fenstersimsen die Alpen- und Usambaraveilchen blühten, war das in den Siebzigern so normal, wie die regelmäßigen Besuche im Stadtpark. Dort, wo Kronenkraniche unter Zeder und Mammutbaum spazierten, sich Meerschweinchen vermehrten und Lamas in Nachbarschaft zum Damwild lebten, hätte Humboldt wohl die Macht sinnlicher Eindrücke gepriesen und gleichzeitig zwischen einer pittoresken Pflanzengestaltung und den Hilfsmitteln des anschaulichen botanischen Studiums unterschieden. Kindern ist das egal – wir schnupperten an Rosenblüten, sammelten Gingkoblätter und hofften, dabei schillernde Pfauenfedern zu finden.

          Während das exotische Sammelsurium uns verzauberte, hatten wir nur eines im Sinn: ein Eis. Die Wirkung war zunächst subtil, aber irgendwann knüpft man an jede Pflanzenform die Wunder einer fernen Welt, wie es Humboldt einmal formulierte. Man muss also nicht auf seinen Spuren nach Amerika oder Sibirien düsen, manchmal genügen schon offene Augen: Jeder Spaziergang im Park, in einem botanischen Garten oder in Gewächshäusern ist eine Expedition.

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