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In Verbindung mit modischen Deko-Trends drohen zuweilen die Design-Grenzen zwischen Advents- und Trauerkränzen zu verschwimmen. Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Was darf in den Adventskranz?

Alteuropäische Weihnachtsbrauch-Traditionalisten müssen stark sein: Von Jahr zu Jahr bestehen Adventskränze immer weniger aus Kiefergewächs und stattdessen umso mehr aus Deko-Trends.

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          Wer nur ein klein wenig geschmackssicher ist, schmückt seinen Adventskranz selbst. Noch authentischer ist es natürlich, ihn eigenhändig zu flechten. Nur noch selten nimmt man dafür heute Zweige der gemeinen Fichte (Picea abies) zur Hand. Sie stellte noch in den 1960ern das Gros allen pflanzlichen Weihnachtsschmucks, doch ihre vergleichsweise spitzen Nadeln legen dem Adventsbastler dafür den Gebrauch von Handschuhen nahe.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie bei den Christbäumen auch, dominiert heute in Adventskränzen die deutlich weichere und obendrein weniger zum vorzeitigen Nadelverlust neigende Nordmann-Tanne (Abies nordmannia). Beliebt ist auch das Zweigwerk der duftenden Edeltanne (Abies procera) alias „Nobilis“ mit ihren silbrig-blauen Nadeln oder auch der Douglasie (Pseudotsuga menziesii). Beide stammen allerdings aus dem Westen Nordamerikas und sind daher möglicherweise nichts für alteuropäische Weihnachtsbrauch-Traditionalisten.

          24 Kerzen auf einem alten Wagenrad

          Die aber müssen heutzutage sowieso stark sein. Mit jedem Jahr stapeln sich Ende November vor den Bau- und Supermärkten mehr Kränze, in die nicht nur Nadeliges aus der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae) verflochten ist. Dabei gehören Wacholder, Scheinzypresse und das berüchtigte Heckengewächs Thuja occidentalis zur Ordnung Coniferales, sind also wenigstens botanisch gesehen Nadelgehölze – nicht aber Buchsbaum und Stechpalme (Gattung Ilex), die heute die deutsche Adventsware infiltrieren. In Verbindung mit modischen Deko-Trends drohen dabei zuweilen die Design-Grenzen zwischen Advents- und Trauerkränzen zu verschwimmen.

          Letztere entstammen der großen abendländischen Kranztradition. Die beginnt mit der Sage von der Nymphe Daphne. Sie hatte ihren Vater, einen Flussgott, um die Verwandlung in einen Lorbeerbaum gebeten, um der sexuellen Belästigung durch Apollon zu entgehen. Der Lorbeerkranz, den der hier offenbar etwas zum Fetischismus neigende Lichtgott seither trug, wurde in den ursprünglich kultisch motivierten Wettkämpfen der Griechen zum Sieges- und Ehrenzeichen.

          Bei den Römern gehörten Kränze aus Eichenlaub (Corona civica) und Gras (Corona graminea) zu den höchsten militärischen Auszeichnungen. Und aus dem Lorbeer der Corona triumphalis, mit dem siegreiche Feldherren durch die Stadt zogen, wurde einerseits eine Insignie des Kaisers, andererseits ein Symbol des Sieges Christi über den Tod und daraus ein Element der Sepulkralkultur.

          Mit alledem hat der Adventskranz nicht das Geringste zu tun. Denn seine Geschichte begann heute vor 180 Jahren nicht als pflanzliches Flechtwerk, sondern als ein altes Wagenrad, auf das der lutherische Geistliche Johann Hinrich Wichern (1808 bis 1881) in einem alten Bauernhaus vor den Toren Hamburgs 24 Kerzen stellte.

          Wichern hatte ein Heim für verwahrloste Kinder gegründet und, um seinen Schützlingen die Zeit bis zum Weihnachtsabend zu verkürzen, kam er 1839 auf die Idee mit dem Rad und zündete darauf jeden Adventstag eine weitere Kerze an. Als der Einfall sich bald darauf in den Stuben der Familien ausbreitete, wo es für Wagenräder zu eng war, reduzierte man die Kerzen auf die Zahl der Adventsonntage, aber erst um 1860 herum begann man, den kargen Holzreifen mit wintergrünem Gezweig zu schmücken. Damit ist dafür schon immer alles zulässig, was das Gemüt ergötzt, selbst Scheiben vertrockneter Zitrusfrüchte. Das Wichtige am Adventskranz sind allein die Kerzen.

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