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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Vitamine für die Seele

Natürlich geht es ohne. Aber frei nach Loriot, der ein Leben ohne Mops für möglich aber sinnlos hielt, will ich nicht auf Blumen verzichten.

          2 Min.

          Natürlich geht es ohne. Aber frei nach Loriot, der ein Leben ohne Mops für möglich aber sinnlos hielt, will ich nicht auf Blumen verzichten. Was andere als pure Verschwendung empfinden, für dekadent, ökologisch unverantwortlich oder schlicht für Dekoration halten, ist mir beinahe heilig.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich wüsste zwar nicht, ob ich irgendwelchen Göttern ein Blumenopfer darbringen würde, aber lieber übe ich mich in einem Stil des Ikebana und behaupte, symbolisch Himmel, Erde und Menschheit in die Vase zu stellen, als schrecklich blutrünstige Gedanken in die Tat umzusetzen. Statt Lämmern sollen doch lieber Zweige, Blätter, Gräser oder Blütenranken dran glauben müssen, und seit ich in einem finnischen Museum gesehen habe, wie aufwendig es ist, meine Lieblingsvase zu formen, steht die selten leer.

          Sie als Wolke zu beschreiben kommt offenbar nur mir in den Sinn, alle anderen Schilderungen erkennen in dem Glasgebilde eine Welle, was dem Namen des Designers entsprechen würde. Durch ihre Asymmetrie macht es die Aalto-Vase mir jedenfalls leicht, Bouquets kunstvoll zu arrangieren, wurde sie ursprünglich doch für das „Savoy“ entworfen. Und selbst wenn man darin nur ein paar Stengel ins Wasser stellt, sieht es immer nach mehr aus, wenn außerdem noch etwas Grünzeug zur Hand ist. Im Frühling kommen darin Tulpen oder Ranunkeln hübsch zur Geltung, im Sommer duftende Rosen aus der Region. Für Amaryllis ist es jetzt noch zu früh, deshalb geht es gerade quer durchs Beet. Mal ergibt das eine schrillbunte Mischung, mal leuchten Gladiolen samt Eichenlaub, oder die Hortensien entfalten ihre dunkle Herbstpracht. Zurzeit blühen Dahlien rot-weiß für mich, was der Markt eben so zu bieten hat, und das bedeutet: der Wochenmarkt in meinem Stadtteil. Während man in Berlin dann an einem Stand „Vitamine für die Seele“ kaufen konnte, die in einer Bankenstadt vielleicht noch wichtiger wären, geht man den Blumenhandel in Frankfurt eher pragmatisch an.

          Hier, auf grobem Kopfsteinpflaster, verführen einen trotzdem immer mal wieder Anthurie, Anigozanthos, Calla, Montbretien, Strelitzien und andere Exoten zur Maßlosigkeit, es gibt aber auch den zähen Gärtnerschreck für zu Hause und blauen Enzian. Nebenbei lässt sich einiges über Wetterprobleme, das Geschehen auf den Auktionen und chinesische Investoren erfahren. Oder welche Faktoren sonst das Geschäft beeinflussen.

          Botanische Skulpturen

          Irgendwann einmal will ich Großes wagen und versuchen, was der japanische Künstler Makoto Azuma meisterhaft beherrscht. Ganz gleich, ob er Models einen grünen Kopfschmuck verpasst und sie mit Moosen, Farnen und Palmwedeln über den Pariser Laufsteg schickt oder eine Luxusküche zelebriert und seine Bouquets in klaren Eisblöcken anstelle von Vitrinen präsentiert, wie auch immer das Frosten zarter Blüten schonend gelingt: Seine floralen Arrangements und „botanischen Skulpturen“ nehmen keinerlei Rücksicht auf die Grenzen der Botanik; alle Gattungen und Familien, alle Farben, Formen und Strukturen werden scheinbar wild kombiniert, ohne dass sein Wirrwarr je geschmacklos wirkt.

          Wenn die Blumen in meiner Glaswolke aufblühen und verwelken, sieht das nie nach Plan aus, wie in den Videos, mit denen Makoto Azuma die Schönheit der Vergänglichkeit auf Instagram feiert. Aber ich hoffe, es gibt eine kosmische Ordnung, alles folgt einer natürlichen Choreographie. In meinen Vasen.

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