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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Unter Waldkindern

  • -Aktualisiert am

Die Waldkindergartenkinder brauchen kein Spielzeug, sind weniger krank und kennen kein schlechtes Wetter. Warum das Konzept trotzdem exklusiv bleiben sollte.

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          Glaube mir, du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern; Bäume und Steine werden dich lehren, was kein Lehrmeister dir zu hören gibt“, versprach vor rund 900 Jahren der heilige Bernhard von Clairvaux. Ich bin gewillt, dem weisen Mönch Glauben zu schenken, und warte deswegen an einem nebligen Septembermorgen neben einem verdörrten Baum am Waldrand von Frankfurt-Schwanheim. Ein kleines Schild verrät, hier treffen sich die Kinder des Waldkindergartens. Ich bin aufgeregt, die zwölf eintrudelnden Mädchen und Jungen im Kleinkindalter noch schlaftrunken. Sie verbringen schließlich jeden Tag im Wald, ob Nieselregen, Schnee oder 35 Grad im Schatten. Neidisch beäuge ich ihre Ausrüstung: knallbunte Regenhosen, Thermojacken, Wanderrucksäcke im Miniaturformat. Dazu Stiefel, die Reinhold Messner Ehre machen würden. Mein Turnschuh hat ein Loch, und die neue Regenjacke erweist sich als nur mäßig funktional.

          In Zweierreihen marschieren wir los, zwischen Eichen und Hainbuchen über einen Schotterweg. In der kühlen Luft duftet es nach feuchtem Holz. Unser Ziel ist eine Lichtung im Inneren des Waldes. Mehr als zehn solcher Stammplätze hat die Gruppe, derzeit sind nicht alle begehbar. „Astbruchgefahr“, sagt Heidi Peter, die Bäume seien durch die Dürre der vergangenen Sommer geschwächt. Die Waldpädagogin gründete den Kindergarten 2002 gemeinsam mit dem Förster. Die Idee stammt aus dem Norden: Die Dänin Ella Flatau verbrachte in den Fünfzigern zunächst nur mit ihren eigenen Kindern die Tage im Wald. Eltern aus ihrer Nachbarschaft waren begeistert, so entstand der erste Waldkindergarten. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland Hunderte. Studien zeigten, dass sie die motorischen Fähigkeiten, soziale Kompetenz und Konzentrationsfähigkeit schulen. Gewissermaßen ein Gegenentwurf zum Smartphone, schließlich wird hier auch geschnitzt und mit Pfeil und Bogen geschossen.

          Die Lieblingsjahreszeit der Waldkinder ist der Winter

          Als wir durchs Unterholz zu einer Lichtung stiefeln, bin ich die einzige, die über Wurzeln stolpert. Leichtfüßig eilen die Kinder zu ihren Spielplätzen; Baumstumpf und Sandkuhle ersetzen Bastelecke und Puppenhaus. Zwei Jungs bauen eine Burg mit 18 Kanonen aus Baumrinden, einige Mädchen spielen „Labor“, häufen dazu Erde und Steine auf einem Baumstumpf. Dieses Spiel entwickelte sich wohl daraus, dass manchmal auch Pflanzen mit einem Mikroskop untersucht würden, mutmaßt die Betreuerin. Gelegentlich treffen sie auf Tiere: Damwild, Spechte, Wildschweine. Angst jagen ihnen jedoch eigentlich nur Hunde ein, die im Wald ohne Leine streunen. Verletzungen sind wohl nicht häufiger als in Regelkindergärten, krank sind Waldkinder sogar seltener, ihre Abwehrkräfte offenbar gut trainiert. Die Lieblingsjahreszeit der Kinder ist einstimmig: Winter!

          Während ich durchgefroren aus dem Wald stapfe, grübele ich. Mit der Kindheit im Wald verhält es sich ein bisschen wie mit Avocados, der Kunstszene und Urlaub in Venedig: Das kann nur funktionieren, wenn es exklusiv bleibt. Nicht jedes Kind kann einen Waldkindergarten besuchen. Tollten alle kleinen Frankfurter zwischen 8 und 14 Uhr durch den Schwanheimer Wald, wären die Ruhe und das sinnliche Erleben passé. Vermutlich gediehen weder Bäume noch Blumen, die gerühmten Lehren blieben unerhört. So schließe ich Frieden mit meiner Vergangenheit im Regelkindergarten und der schicken, aber luschigen Regenjacke.

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