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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Explosive Früchte

Manche Pflanzen lassen es bei der Vermehrung richtig ploppen. Gefährlich ist das zum Glück nur in Science-Fiction-Romanen und in Internet-Gerüchten.

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          Im Frühherbst ist es wieder einfacher, Kinder zu Waldspaziergängen zu motivieren. Dann wird das Springkraut reif, dessen Fruchtkapseln man nur anzutippen braucht, um zu erleben, wie sie blitzschnell aufreißen und mit aufgestautem Saftdruck in ihrem Gewebe Samen durch die Gegend kicken. Oft hat man es dabei allerdings nicht mehr mit dem einheimischen gelb blühenden Großen Springkraut (Impatiens noli-tangere) zu tun, sondern mit seinem rosaroten Verwandten aus Pakistan, dem Drüsigen Springkraut (Impatiens glandulifera). Der Name klingt ein wenig diskriminierend, und tatsächlich ist das pollenreiche Gewächs als aggressiver Neophyt nicht eben beliebt - außer bei Bienen, Hummeln, Imkern und eben Kindern, schleudert es seine Samen doch bis zu sieben Meter weit und daher mit mehr Schmackes als das heimische „Rühr-mich-nicht-an“ (das bedeutet sein lateinischer Artname noli tangere).

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während die Kinder also den pakistanischen Einwanderern bei der Vermehrung helfen, erinnert sich die Aufsichtsperson an Alan Dean Fosters Science-Fiction-Roman „Midworld“ aus dem Jahr 1975. Der spielt auf einem Dschungelplaneten, wo birnenförmige Früchte wachsen, die beim unsachgemäßen Hineinbeißen so heftig explodieren wie Handgranaten. Wäre so etwas nicht auch für die Evolution irdischer Samenpflanzen eine Option?

          Keimfähigem Material aktiv kinetische Energie mitzugeben ist tatsächlich keine Spezialität des Springkrauts. Auch die Schaumkräuter nutzen diesen Trick, desgleichen die kaum zufällig sogenannte Explodiergurke aus Südamerika. Sie alle werfen ihre Samen mittels aufgebauter Gewebespannung einige Meter weit. Etwas anders geht die mediterrane Spritzgurke vor, die mit der Explodier- wie mit der Speisegurke nur weitläufig verwandt und obendrein giftig ist. Eine Spritzgurkenfrucht wird beim Reifen immer praller, bis sie von ihrem Stengel abreißt. Dann schießt der Saft mit bis zu 26 Meter pro Sekunde heraus und schleudert die Samen mehr als sechs Meter weit.

          Ein Nomade mit Invasionspotential: Drüsiges Springkraut

          Wieder etwas anderes machen Pflanzen wie der südamerikanische Baum Calliandra brevipes: Hier baut sich die Startenergie in den Samenhülsen durch deren Austrocknen auf. Die aufspringenden Schoten beschleunigen die Calliandra-Kerne nur auf etwa acht Meter pro Sekunde, dabei steckt in diesem Prinzip mehr Potential, wie der neotropische Sandbüchsenbaum Hura crepitans zeigt, der Champion aller irdischen Samenkanonen. Seine bis zu acht Zentimeter großen Früchte trocknen ebenfalls beim Reifen ein und bauen dabei Spannung auf. Die entlädt sich mit lautem Knall, was die Frucht in radial davonspratzende Segmente zerlegt. Diese werden dabei im Mittel auf 43, im Extremfall auf 70 Meter pro Sekunde beschleunigt und fliegen bis zu 45 Meter weit.

          Das Internet kennt den Sandbüchsenbaum auch als „Dynamite Tree“, wovon die botanische Fachliteratur nur noch nichts weiß. Auch vom Verletzungsrisiko in seiner Nähe ist oft die Rede. Allerdings bekommen die Fruchtfragmente höchstens 2,4 Joule kinetische Energie auf den Weg. Das ist zwar gut das Fünffache dessen, was eine Spielzeugwaffe der Marke Nerf ihren Schaumgummibolzen verleiht, doch bereits das Projektil eines Luftgewehrs, das man hierzulande als Volljähriger frei erwerben darf, bringt es auf 7,5 Joule. Ein Sandbüchsenbaum-Treffer muss also schon buchstäblich ins Auge gehen, um Verwundungen hervorzurufen. Das Springkraut, auch das eingewanderte, bleibt da erst recht Kinderkram.

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