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Ab in die Botanik : Grünes auf Stelzen

Grünes Manhattan: Im „High Line Park“ wurde ein 2,33 Kilometer langes Stück einer stillgelegten Hochbahn bepflanzt. Bild: Charlotte Wagner

Auch Großstädter schätzen die Nähe zur Natur. In New York ist zwar dank gehöriger Nachverdichtung kein Boden mehr für weitere Parks, trotzdem eröffnete 2009 in Manhattan eine hochgelegener Grünstreifen.

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          Nicht jeder hat einen eigenen Garten, zumal in einer Großstadt. Die Einrichtung öffentlicher Grünanlagen fiel daher wohl nicht zufällig in die Zeit, als die Metropolen weit über ihre mittelalterlichen Mauergürtel hinausgequollen waren. Die Entfernungen ins Grüne vor der Stadt wurden zu groß, die Stadt musste also selbst grün werden, zumindest ein bisschen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch in New York war die Einrichtung des Central Parks eine Antwort auf eine Vervierfachung der Einwohnerzahl Manhattans zwischen 1821 und 1855. Danach wurde Amerikas größte Stadt noch gehörig nachverdichtet, ohne dass Platz für weitere Parks übrig gewesen wären. Dennoch eröffnete 2009 im Westen Manhattans eine neue Grünfläche, die dann noch erweitert wurde und seit Anfang Juni komplett ist: Im „High Line Park“ wurde ein 2,33 Kilometer langes Stück einer stillgelegten Hochbahn bepflanzt. Die mehr als 150 Millionen Dollar teure Aktion hat die Grundstückspreise in der Lower West Side zwischen der 14. und der 34. Straße prompt verdoppelt.

          Auch botanisch gesehen, ist das kein gewöhnlicher Stadtpark. Zum einen unterliegen die etwa 1200 Bäume und 110.000 mehrjährigen Pflanzen auf der High Line offenkundigen geometrischen Einschränkungen. Der Humus ist hier im Durchschnitt nur 46 Zentimeter mächtig, mancherorts ist es sogar nur die Hälfte und nur unter Bäumen zuweilen 90 bis 120 Zentimeter. „Die Erde wurde sorgfältig ausgesucht“, erklärte Andi Pettis, die gärtnerische Direktorin des High Line Parks, im vergangenen Jahr einem amerikanischen Gartenportal. „Im Wesentlichen ist das hier ein einziger großer Blumenkasten, und wir müssen aufpassen, dass die Feuchtigkeit genau reguliert ist.“

          Die Herausforderungen für Pettis und ihre Mitarbeiter sind aber nicht einfach die eines sehr großen Dachgartens. „Wir sind hier praktisch auf einer Brücke und haben mit den starken Winden zu kämpfen, die vom Hudson River heraufwehen.“ Zehn Meter über Straßenniveau sei es zwei bis fünf Grad kälter oder wärmer, und im Winter friere die Erde von oben und von unten. „Das verursacht dann Hebungen und Wurzelschäden.“ Und dann ist da noch der Bauwahn in dem neuen In-Viertel. „Neue Hochhäuser tauchen Abschnitte in Schatten, die für volle Sonne konzipiert waren. Es gibt neue Windkorridore, neue Niederschlagsschatten – und alles hat Einfluss darauf, welche Pflanzen wir wo wachsen lassen können.“

          Ohnehin wäre „High Line Garden“ der angemessenere Titel. Allerdings steht das Areal insofern in der Tradition der Landschaftsgärten, als sich die Bepflanzung durchaus als Imitation von Natur versteht. Bei der Auswahl der mehr als 500 Pflanzenarten hat sich der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf von der Vegetation inspirieren lassen, die sich von allein zwischen den rostenden Schienen angesiedelt hatte, nachdem hier 1980 der letzte Güterzug rollte: So gibt es jede Menge Gräser und Pionierpflanzen wie die Graubirke Betula populifolia.

          Auch die Blütenpracht erinnert zuweilen an die Ruderalflora auf vernachlässigten Arealen der Deutschen Bahn. Doch außer im nördlichsten Abschnitt, wo noch wirklicher Wildwuchs zu sehen ist, überformt Oudolfs sorgfältige Kombination von Farben und Formen die Schuttflächenanmutung. Das Ergebnis wirkt dann an vielen Stellen ausgesprochen ostasiatisch. Das ist wohl weder zufällig noch beabsichtigt, sondern die Konvergenz auf ein Design für Naturfreunde in Platznot.

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