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Ab in die Botanik : Groovy Mangroven

Baum auf Stelzen: Die „Rote Mangrove“, Rhizophora mangle, sieht aus wie freigespült. Bild: Charlotte Wagner

Es gibt sie noch: Gute Nachrichten in der Corona-Krise. Der Zustand der Wälder ist gar nicht so schlecht, zumindest der Mangrovenwälder. Diese Pflanzen speichern fast fünfmal mehr Kohlendioxid als Bäume an Land.

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          Wer etwas Gutes fürs Klima tun möchte, pflanzt im Garten einen Baum: Eine Buche zum Beispiel bindet rund zwölf Kilogramm Kohlenstoffdioxid im Jahr. Missionarische Klimaretter pflanzen gleich ganze Wälder, und die Mangroven-Ökosysteme sind offenbar dankbare Objekte für altruistischen Aktionismus: Sie schützen die Küsten und speichern fast fünfmal mehr CO₂ als Bäume an Land. Forscher der National University of Singapore haben Studien zum Bestand der Mangrovenwälder gewälzt und erklären in „Current Biology“, ihre Ergebnisse seien Anlass zum Optimismus. In Zeiten, in denen der deutsche Wald verdorrt und am Amazonas munter gerodet wird, ein fast vergessenes Gefühl.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde ein Drittel aller Mangrovenwälder abgeholzt, derzeit bestehen sie noch auf rund 14 Millionen Hektar. Man schätzte die Verlustrate auf drei Prozent pro Jahr, tatsächlich ist diese seit zwanzig Jahren erheblich gesunken: Nur noch 0,3 Prozent gehen verloren, dies sei intensiven Aufforstungen zu verdanken. Also womöglich auch deutschen Jugendlichen – denn ihr Voluntourismus, eine kostspielige Mischung aus Urlaub und freiwilliger Arbeit, liegt im Trend. Statt Sozialdienst im Altersheim zu leisten, bepflanzen dann Abiturienten exotische Strände.

          Man findet Mangrovenwälder an tropischen Küsten, es sind salztolerante Bäume oder Sträucher aus verschiedenen Pflanzenfamilien, die im Gezeitengebiet wurzeln zwischen Land und Wasser; die „Rote Mangrove“, Rhizophora mangle, sieht auch aus wie ein freigespülter Baum oder eben wie auf Stelzen. Spezielle Membranen verhindern, dass Meerwasser unkontrolliert in ihre Wurzelzellen eindringt; auch wird eine wachsartige Substanz namens Suberin gebildet, die fast das gesamte Salz herausfiltert.

          Das Bio-Verfahren hat Ingenieure an der Yale Universität zu einer künstlichen Mangrove inspiriert, die sie Ende Februar in „Science Advances“ präsentierten. Ihr Plastikquader erinnert nicht an Gewächse, funktioniert aber mit ähnlichen Druckverhältnissen und Membranen, kann also Wasser entsalzen. Allerdings wäre der Stromverbrauch noch zu groß, um Dörfer zu versorgen oder Felder zu berieseln. Zyniker erinnern daran, dass der weltweit größte Mangrovenwald vor Bangladeschs Küste verkleinert wurde, um den Schiffsweg zu einem Kraftwerk freizulegen.

          Meist wird in Südostasien abgeholzt, um Platz für Wohnraum oder Reisfelder zu schaffen. Und für Garnelen: In den 1980er Jahren mussten dafür vierzig Prozent der Mangrovenwälder weichen. Dabei ist ein Hektar gut 50.000 Dollar wert: Sie festigen die Küste, bieten Anwohnern Holz, Fische und Schutz vor dem Wüten des Meeres. Ein hundert Meter breiter Grüngürtel nimmt Wellen zwei Drittel der Energie; wo Mangroven fehlten, setzte 2004 der Tsunami den Küstenregionen schwer zu. Auch deshalb wird aufgeforstet, was oft zum Scheitern verurteilt sei, weil die „ökologischen Grundlagen ignoriert werden“, heißt es in Current Biology. Wie auf den Philippinen, wo man Hunderte Millionen Setzlinge in Seegraswiesen pflanzte, die dafür ungeeignet sind.

          Thailändische Jugendliche pflanzen Mangroven-Bäumchen in der thailändischen Provinz Narathiwat.

          Wenn nun noch Teenager aus Europa einfliegen, um mit Pflänzchen bewaffnet, durch den Schlick zu waten, mehrt das nur die Umweltsünden: Allein ihre Reise in die Tropen verursacht mehr als zwei Tonnen Treibhausgase. Zwar lassen sich die sich daheim übers Jahr kompensieren, aber man müsste 160 Buchen in Muttis Beet und Vatis Rasen packen.

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