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Ab in die Botanik : Betula, du alte Pionierin

Bild: Charlotte Wagner

Wenn der Klimawandel einheimischen Baumarten zu schaffen macht, wird es Gewinner und Verlierer geben. Zu welcher Gruppe wohl die zwei Meter hohe Birke auf dem Balkon unserer Autorin gehört?

          Vier Milliarden neue Bäume will man in Äthiopien bis zum Herbst gepflanzt haben. Dass die ersten 354 Millionen gleich in Rekordzeit gesetzt wurden, erfuhr ich auf meinem Balkon mit dem Laptop auf dem Schoß, einer Tasse Kaffee in der Hand und verschluckte mich prompt. Nur noch drei Prozent des Landes seien von Wald bedeckt, las ich im Worldwide Web. In den 1960er Jahren waren es noch vierzig Prozent, die wichen allerdings nach und nach – den Kaffeeplantagen.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was trank ich da eigentlich gerade mit Milch und Zucker? Den Schwarzen Tod des Regenwaldes oder den Lebensunterhalt für die Majangir und Shekacho? Beruhigend war dann die Information, dass in Äthiopien fünf Unesco-Biosphärenreservate bestehen, denn in Bergregenwäldern gedeihen die dort endemischen Kaffeepflanzen, und ein wilder Coffea arabica ist ja so vieles mehr als nur ein Bioprodukt, mit dem sich der Sommer auf Balkonien ohne schlechtes Gewissen genießen lässt. Hier kann man aber nebenbei an internationalen Programmen zum Schutz der Biene beziehungsweise Insekten und Bestäubern teilnehmen und sich individuell der Stadtbegrünung widmen. Natürlich inoffiziell. Sogar Projekte der Aufforstung sind möglich, wobei jeder einzelne Blumenkasten sich in eine wahre Kampfzone verwandelt, wenn sich darin Lavendel zum Beispiel gegenüber einer Birke behaupten muss.

          Das Drama im Blumenkasten

          Seit mehreren Jahren beobachte ich nun schon das Drama, das sich in und auf wenigen Kubikzentimetern Erde abspielt. Längst zum Busch verholzt, bietet Lavandula angustifolia mit duftenden Blüten zumindest Hummeln etwas Nahrung, während die zwei Meter hoch ragende Betula pendula vor allem Ameisen anzieht. Dazwischen haben sich Gras, Moos und Sternmiere angesiedelt – das Wurzelwerk der Birke lässt kaum Raum für anderes. Sie kam ungefragt, wie es für die Pioniere ihrer Gattung seit Jahrmillionen üblich ist, vom Winde verweht, der den Samen nur über einen Hinterhof tragen musste.

          Wie Konfetti im Karneval schneit es hier raue Mengen geflügelter Nussfrüchte, was ein Birkhuhn wohl zu schätzen wüsste, das sich aber leider nur selten auf einem Balkon mitten in der Frankfurt niederlässt. Stattdessen muss der Staubsauger helfen, und die Pflanzkästen werden von allen unerwünschten Sprösslingen befreit. Einen jedoch ließ ich gewähren, heimlich hoffend, dass in einem Gen namens LAZY kleine Mutationen auftreten, die meinem Bäumchen eine andere Gestalt geben, auf natürliche Weise. Während das von der EU geförderte Betwood-Projekt tatsächlich auf solche Variationen stieß und „selective sweeps“ entdeckte, durch die es Birken in der Vergangenheit möglich war, sich in der nördlichen Hemisphäre lokal anzupassen, ist meine hessische Betula balconia doch eher ein Paradebeispiel dafür, was bald den Wäldern in ganz Europa droht.

          Wenn der Klimawandel einheimischen Baumarten zu schaffen macht, weil ihnen Dürreperioden oder Wetterextreme schaden, wird es Gewinner und Verlierer geben. Daher haben polnische Forstwissenschaftler einmal untersucht, wie zwölf Spezies mit drei unterschiedlichen Szenarien im Zeitraum 2061 bis 2080 zurechtkommen. Nicht nur für Betula pendula sieht es dann offenbar recht schlecht aus, und ich befürchte, mein Exemplar wird schon diese Sommersaison nicht mehr überstehen. Es triumphiert der Lavendel, in der Nachbarschaft reifen Feigen, sollte man es einfach mal mit Coffea versuchen?

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