https://www.faz.net/-gwz-8g7g0

Weltklimavertrag : Waldschützer auf Leben und Tod

Gedenken an die Opfer des Regenwaldschutzes (v.l.): Mina Setra von den Dayak Pompakng aus West-Kalimantan, Ana Centeno von den Peten aus Guatemala und Asháninka-Anführerin Diana Rios.
Gedenken an die Opfer des Regenwaldschutzes (v.l.): Mina Setra von den Dayak Pompakng aus West-Kalimantan, Ana Centeno von den Peten aus Guatemala und Asháninka-Anführerin Diana Rios. : Bild: Joachim Müller-Jung

Und die Rolle der  Indigenen als Hüter dieser natürlichen Kohlenstoffspeicher ist längst auch wissenschaftlich verbrieft. In Brasilien etwa, nach wie vor das Land mit den höchsten Abholzungsraten, wurde zwischen den Jahren 2000 und 2012 ein gewaltiger Unterschied ermittelt: Während auf den Amazonas-Waldflächen, die Indigenen überlassen wurden, nur knapp 0,6 Prozent des Waldes gerodet wurde, waren es außerhalb gut sieben Prozent.

Ganz ähnlich in Bolivien: Während in den 22 Millionen Hektar, die in etwa der gleichen Zeit von lokalen Stämmen und Gemeinden gemanagt wurden, knapp 0,5 Prozent Wald verloren gingen, war es außerhalb dieser Areale sechsmal so viel. Eine weitere Woods-Hole-Studie in Brasilien hat gezeigt: Waldflächen in der Obhut der eingeborenen Volksgruppen speichern 36 Prozent mehr Kohlendioxid pro Hektar und emittieren 27 mal weniger Kohlendioxid.

Gruppenbild mit Indiandern: Philanthrop und Stiftungsgründer Alex Soros (rechts) und Darren Walker, Präsident der Ford Foundation (links), setzen sich mit Alec Baldwin (hinten) für die Landrechte der Indigenen ein.
Gruppenbild mit Indiandern: Philanthrop und Stiftungsgründer Alex Soros (rechts) und Darren Walker, Präsident der Ford Foundation (links), setzen sich mit Alec Baldwin (hinten) für die Landrechte der Indigenen ein. : Bild: Joachim Müller-Jung

Der größte Teil der natürlichen Waldflächen ist freilich nach wie vor in Besitz des Staates oder großer Privatfirmen. Wie eine neue Untersuchung der „Rights and Resources Initiative“ (RRI) gezeigt hat, eine Organisation, die sich schon lange für Landrechte zugunsten der Indigenen einsetzt, wird der Waldschutz dort, wo der Staat die Hand draufhält, weiter stiefmütterlich behandelt. Indigenes Management ist wie beispielsweise in Indonesien, Indien oder Kolumbien wenig gefragt. Eine Studie in acht waldreichen Staaten hat belegt, wie wenig Rücksicht genommen wird: 93 Prozent von insgesamt 73.000 Konzessionen für Großbauern oder für den Abbau von Rohstoffen, für die Abholzung oder die  Öl- und Gasförderung sind in Gebieten erteilt worden, in denen mehrheitlich indigene Volksgruppen zu Hause sind.

Knapp die Hälfte der Waldstaaten hat formale Landrechte für und damit das Management durch lokale Völker bisher praktisch ausgeschlossen. Dazu gehören allerdings nicht Brasilien, China, Mexiko, Australien oder Kanada, wo große Teile der Waldflächen schon von indigenen und lokalen Bevölkerungsgruppen verwaltet werden. In Asien und Südamerika sind statistisch knapp ein Drittel inzwischen unter die Kontrolle lokaler Bevölkerungsgruppen gestellt worden, doch die regionalen und nationalen Unterschiede sind immens. Nimmt man in Asien China aus, das große Teile der Provinzen an regionale und lokale Bewohner abtritt, kommen die anderen waldreichen Staaten Südostasiens auf durchschnittlich nicht einmal acht Prozent, die im Bestiz indigener Völker oder unter ihrer Kontrolle sind. Den Rest behalten die Regierungen für sich und für die kommerziellen Konzessionäre. 

Für die riesigen Palmölgebiete in Indonesien wird uralter Regenwald gerodet.
Für die riesigen Palmölgebiete in Indonesien wird uralter Regenwald gerodet. : Bild: interTOPICS /Gethin Chamberlain

Mit dem Weltklimavertrag, so hofft Alec Baldwin immer noch, könnte sich die Situation der eingeborenen Hüter des Waldes immens verbessern. Könnte aber auch gut sein, dass das Papier wie so viele Klimaschutzdokumente bisher für die Graswurzelbewegungen ins Leere läuft. Von den mehr als 131 baumreichen Staaten, die für Paris nationale Klimaschutzziele eingereicht haben, erwähnen lediglich 21 den Waldschutz und Wiederaufforstungen als wesentliche Klimaschutzmaßnahmen. Ihre Flächen entsprechen zusammen nur knapp einem Achtel der weltweiten Regenwaldflächen.

„Der Klimavertrag ist Papier, mehr nicht“, skandierte Diana Rios, bevor sie gestern morgen zusammen mit ihren indigenen Mitstreitern ins Diplomatenviertel am East River marschierte, „aber es gibt etwas, das noch wichtiger ist: Leben. Zum Klimaschutz gehört, dass man unsere Leben besser schützt.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Druck, Zwang, Hintertür : Die Welt kämpft mit der Impfpflicht

Überall wird diskutiert, wie man so viele Menschen wie möglich gegen Corona impfen kann. Doch nur wenige Länder haben sich bisher für eine echte allgemeine Impfpflicht entschieden. Was lässt sich von den Beispielen rund um den Globus lernen?
Max Otte am Dienstag zwischen Alice Weidel und Tino Chrupalla

Von der AfD nominiert : Otte sieht Kandidatur nicht als Provokation

Der CDU-Politiker Max Otte will mit seiner von der AfD unterstützten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten „Gräben zuschütten“, sagt er. Der AfD-Vorsitzende Chrupalla lobt den Vorsitzenden der konservativen Werte-Union.