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Akku-Rohstoff : Der Schatz am Oberrhein

Nicht auf dem Schirm gehabt

Ingrid Stober, Geologin an der Universität Freiburg, würde das so nicht formulieren. Grundsätzlich hält sie die Geothermie und auch die mögliche Gewinnung von Lithium für eine tolle Idee. Doch skeptisch ist sie: Das Verfahren zur Lithiumgewinnung aus Thermalquellen sei noch nicht etabliert, sagt sie, zudem sei es viel zu früh, abzuschätzen, ob es überhaupt wirtschaftlich sei. „Am Ende schadet es der Geothermie, weil man den Menschen Dinge verspricht, die noch gar nicht möglich sind.“ Stober ist daher dafür, zunächst die Geothermie richtig zu etablieren, denn die sei eine ebenso sichere wie saubere Technologie, die das Klima schont und Wärme liefert. Und doch ist die Aufregung in der Branche groß. „Dass es Lithium mitten in Europa gibt, habe ich lange so nicht auf dem Schirm gehabt“, sagt Michael Schmidt, Geologe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Potsdam. Bis 2017 habe sich alles um Australien und Südamerika gedreht, niemand hätte ernsthaft das Potential von Thermalwässern geprüft, weil es wahrscheinlich zu teuer ist. Die Europäer fragten sich lange Zeit nur, wie sie an den Rohstoff herankommen, und nicht, ob sie selbst welchen haben. Denn dass es Lithium tief unten im Oberrheingraben gibt, ist Eingeweihten schon seit den Achtzigern bekannt.

Michael Schmidt war jedenfalls „sehr überrascht“. Aber nicht nur von dem Potential der Förderung, sondern von der „Wahnsinnsdynamik“, die seit dem verrückten Sommer von 2018 herrsche. Es brauchte eine Dürre, Greta und viele junge Menschen, bis die Wirtschaft begann, das fossile Zeitalter hinter sich zu lassen. „Noch vor drei Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass Tesla ein Werk in Brandenburg baut“, sagt Schmidt. Jetzt wollen die Automobilhersteller plötzlich alle elektrisch werden. Und so entstehen neue Werke und Batteriefabriken. Namhafte Hersteller wie BASF, VW, PSA, LG und Farasis investieren in Europa – und die Liste wird immer länger. „Europa entwickelt sich gerade zum größten Markt der Welt“, sagt Schmidt.

Lithium und die Umwelt

Den Autobauern kommen Projekte wie Vulcan Energie daher gerade recht. Sie müssen nach den Skandalen der vergangenen Jahre ihr Image aufpolieren. Umwelt- und Klimaschutz sind Trend, daher sollten Rohstoffe möglichst grün, fair und auf kurzen Wegen zu beschaffen sein. „Diese Themen werden eine massive Rolle in der Vermarktung von E-Autos spielen“, prognostiziert Schmidt. Und bislang ist die Gewinnung von Lithium weder eine saubere noch klimafreundliche Angelegenheit. Geologen unterscheiden primäre von sekundären Lagerstätten, der Aufwand ist in beiden Fällen immens. Denn das Leichtmetall mit der Konsistenz von Schnittkäse ist überaus reaktionsfreudig, weswegen es elementar nicht vorkommt. Nur an knochentrockener Luft behält metallisches Lithium seinen silberweißen Schimmer. Sekundäre Lagerstätten beinhalten vor allem Lithiumsalze, die aus dem Gestein gelöst wurden. Sie kommen in großen Salzseen vor, etwa der chilenischen Atacama-Wüste, wo der Lithiumanteil 0,16 Prozent beträgt, den höchsten bekannten Wert. Der Abbau ist allerdings sehr umstritten, weil dazu Unmengen von Wasser in vollariden Gebieten verbraucht werden. Zudem ist die Förderung nicht klimaneutral.

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