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Aids und Tuberkulose : Tödliche Kombination

  • Aktualisiert am
Mit Impfungen lässt sich Tbc nur schwierig bekämpfen
          3 Min.

          Tuberkulose ist eine ansteckende Krankheit. Sie wird durch infektiöse Tröpfchen übertragen, die den Bazillus Mycobacterium tuberculosis enthalten. Allerdings ist ein Kranker nur dann ansteckend, wenn der Infektionsherd Anschluss an die Atemwege der Lunge bekommt („offene Tbc“). Ohne Behandlung steckt er nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr durchschnittlich zehn bis fünfzehn Personen an. Diese Zahl kann unter beengten Lebensumständen, zum Beispiel in Gefängnissen oder Flüchtlingslagern, wesentlich höher liegen.

          Rund neunzig Prozent aller Infektionen werden vom Immunsystem zunächst in Schach gehalten, das die Erreger in einem Tuberkel-Knoten, dem Granulom (siehe: Immunsystem: Granulom - das Schlachtfeld der Körperabwehr), abkapselt. Wenn das Alter, andere Krankheiten, zum Beispiel Aids, oder Unternährung die Abwehrkräfte schwächen, kann sie jedoch auch Jahre später wieder ausbrechen.

          Impfung ist kein sicherer Schutz

          Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten die französischen Bakteriologen Albert Calmette und Camille Guérin mit einen Stamm des Erregers der Rindertuberkulose (Mycobacterium bovis) einen noch heute gebräuchlichen, nach ihnen benannten Impfstoff, den Bacille Calmette-Guérin (BCG). Die durch ihn ausgelöste Aktivierung des Immunsystems richtet sich auch gegen den Erreger der Tbc.

          Ab 1928 empfahl das Gesundheitsgremium des Völkerbundes den neuen Impfstoff, in Deutschland wurde er aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt. Schuld war das Lübecker Impfunglück von 1930, bei dem der Impfstoff mit infektiösen Tbc-Bakterien verunreinigt war. Die meisten der 256 geimpften Säuglinge erkrankten, 77 starben. Grundsätzlich kann eine BCG-Impfung Kinder zwar vor den schlimmsten Folgen einer Tbc-Infektion behüten, einen sicheren Schutz bietet sie aber nicht.

          Zudem erschwert sie die Diagnose, da geimpfte Menschen genau wie Infizierte positiv auf einen Immuntest mit Tuberkulin reagieren. Mit Hochdruck wird deshalb an wirksameren Impfstoffen geforscht. Bis dahin empfiehlt die WHO die BCG-Impfung nur noch für Säuglinge in Ländern mit hohen Tbc-Raten. In Deutschland wurde sie 1998 von der Empfehlungsliste der Ständigen Impfkommission genommen.

          Pro Jahr bis zu neun Millionen neue Kranke

          Hierzulande liegt die Rate der jährlichen Neuerkrankungen mit acht Fällen auf 100.000 Einwohner vergleichsweise niedrig, doch die Zahlen der WHO zeugen von einer globalen Epidemie: Rund ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert, Jahr für Jahr erkranken acht bis neun Millionen Menschen neu an der Krankheit, die im Jahr 2004 1,7 Millionen Todesopfer forderte. Rund ein Drittel der Fälle wurden aus Südostasien gemeldet.

          Betrachtet man jedoch die Zahl der Neuerkrankungen in Bezug auf die Bevölkerungszahlen, so liegt der südlich der Sahara gelegene Teil Afrikas mit fast 400 Neuerkrankungen pro Jahr und pro 100 000 Einwohnern weit vorn. Dort kommt die tödliche Kombination aus Tuberkulose und HIV besonders zum Tragen: Das HI-Virus tötet die T-Helferzellen des Immunsystems, die eine entscheidende Rolle in der Abwehr der Tuberkulose haben. In HIV-Infizierten führt eine Tröpfcheninfektion mit Tuberkelbazillen deshalb sehr viel leichter zu einem Ausbruch, gleichzeitig können latente, seit Jahren vorhandene Tbc-Granulome durch eine HIV-Infektion reaktiviert werden. Da nur eine aktive Tuberkulose ansteckend ist, steigt auch die Infektionsrate in der HIV-negativen Bevölkerung weiter an.

          Antibiotika versagen immer häufiger

          Mit der Entdeckung verschiedener Antibiotika gegen die sehr zählebigen Bakterien hatte man ab den fünfziger Jahren endlich ein Mittel zur aktiven Therapie der Tuberkulose. Dies führte zeitweise zu einem starken Rückgang der weltweiten Neuerkrankungen, doch inzwischen haben sich Erregerstämme mit Resistenzen gegen jedes einzelne der fünf gängigen Tbc-Antibiotika entwickelt. Die Kombination mehrerer solcher Resistenzen in einem Stamm kann zu multiresistenten Bakterien führen, die im Extremfall auf keines der bekannten Mittel ansprechen.

          Im Herbst vergangenen Jahres meldete die WHO aus Tugela Ferry, einer Stadt in der südafrikanischen Provinz Kwazulu-Natal, das Auftreten einer solchen, praktisch unbehandelbaren Tbc-Form, die noch dazu ungewöhnlich schnell fortschreitet: Von den 53 Patienten, in deren Auswurf die neue Form extrem multiresistenter Tbc (XDR-Tbc) gefunden wurde, starben 52 innerhalb von nur 25 Tagen. Dieser extrem schnelle Verlauf hängt vermutlich ebenfalls mit einer Koinfektion mit HIV zusammen, jedenfalls waren alle 44 getesteten Patienten HIV-positiv.

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