https://www.faz.net/aktuell/wissen/affenpocken-ansteckend-noch-bevor-sich-symptome-zeigen-18438101.html

Gefahr durch Affenpocken : Ansteckend, noch bevor sich eigene Symptome zeigen

  • -Aktualisiert am

Angefärbte Viren: Eine elektronenmikroskopische Aufnahme von Partikeln des Affenpockenvirus (rot) in einer infizierten Zelle (blau). Bild: dpa

Ist der Affenpocken-Ausbruch schon vorbei? Zwei aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die Gefahr lange unterschätzt wurde.

          3 Min.

          Die Aufregung um die Affenpocken hat sich mittlerweile gelegt, die Infektionsraten sinken. Ganz vorbei ist der Ausbruch aber noch nicht. Seit Anfang des Jahres haben 109 Nationen mehr als 78.000 Fälle gemeldet, und Deutschland liegt nun mit rund 3670 Infektionen knapp vor Peru und Kolumbien auf dem sechsten Platz der Liste, die von den USA und Brasilien (28.650 und 9260 Fälle) vor Spanien, Frankreich und Großbritannien angeführt wird. Eine aktuelle Studie im „British Medical Journal“ liefert jetzt zudem neue Belege für den Verdacht, dass Betroffene bereits ansteckend sind, bevor sich erste Symptome bei ihnen zeigen, was die global aufgetretene Dynamik erklären würde.

          Das seit Mai beobachtete Ausbruchsgeschehen wurde von der Weltgesundheitsorganisation am 23.7.2022 zur „Gesundheitlichen Notlage mit internationaler Tragweite“ erklärt, als die Zahlen rapide anstiegen – in Ländern, in denen der Erreger bislang nicht endemisch ist, es aber durchaus werden könnte. Für die britische Studie wurden 2746 nachweislich infizierte Patienten ausführlich befragt, Daten zu Kontaktpersonen ausgewertet sowie der Verlauf in Großbritannien berücksichtigt, wo die Epidemie am 9. Juli ihren Höhepunkt erreichte.

          Das Team um Thomas Ward und Christopher Overton von der UK Health Security Agency wendete verschiedene Modellrechnungen an, um die Daten statistisch zu auszuwerten. Die Ergebnisse lassen eine durchschnittliche Inkubationszeit von 7,6 oder 7,8 Tagen (zwischen 6, 5 und 9,9 Tagen) annehmen, bis erste Anzeichen bemerkt werden, sowie eine relativ lange infektiöse Phase. Um 95 Prozent der eventuell Infizierten aufzuspüren und abzuschirmen, wäre eine Isolationszeit von 16 bis 23 Tagen nach einem Kontakt nötig. Dass Infizierte offenbar schon Viren an andere übertragen haben, noch bevor sich Symptome zeigten, darauf wiesen auffallend kurze „serielle Intervalle“ hin, bis dann eben auch die jeweiligen Kontaktpersonen symptomatisch waren.

          In Deutschland war die Zahl der wöchentlich ans Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin übermittelten Fälle seit August rückläufig, im Oktober wurden weniger als 20 Fälle pro Woche gemeldet. Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI unverändert als gering ein. Die Übertragungen erfolgen in diesem Ausbruch vorwiegend durch engen Körperkontakt, meist im Rahmen von sexuellen Aktivitäten, insbesondere bei Männern, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben. Bislang wurden nur 19 Fälle, in denen Frauen betroffen waren, übermittelt sowie drei Fälle bei männlichen Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt zum Beispiel in Großbritannien bei 37 Jahren, während in endemischen Ländern in Afrika von früheren Ausbrüche zumeist die Jüngeren betroffen waren: Im Jahr 2016 lag das Durchschnittsalter der Infizierten in der Demokratischen Republik bei zehn Jahren, 2020 waren 58 Prozent der Betroffenen noch keine sechs Jahre alt.

          Mehr Ausbrüche, und sie werden größer

          Allerdings berichteten Wissenschaftler am Donnerstag auf dem Jahrestreffen der „American Society of Tropical Medicine and Hygiene“, dass sich deutlich mehr Menschen mit Affenpocken infizieren, als bisher angenommen wurde. Darauf weisen Analysen von Proben aus einem abgelegenen Gebiet in der Demokratischen Republik Kongo hin. Und es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis sich solche kleinen lokalen Ausbrüche zu größeren Epidemien entwickeln. Auch fanden sich Belege, dass dort unter anderem ein Virenstamm kursiert, der öfter zu schweren Verläufen führt, als der derzeit weltweit grassierende.

          Die Forscher der amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC), Kinshasa School of Public Health und dem kongolesischen Ministerium für Public Health stützen sich in ihrem Bericht auf Daten zu 1463 Fällen, die in den Jahren zwischen 2013 und 2017 in der Provinz Tshuapa auftraten und deren Infektionen im Labor bestätigt wurden. Sie haben die jeweilige Reproduktionszahl, den R-Wert, ermittelt, die sich in der Region ausgehend von 0,3 bis 0,5 in den 1980er Jahren mittlerweile auf 0,81 gesteigert hat. Größere Ausbrüche werden wahrscheinlicher.

          Die Forscher gehen auch davon aus, dass „Spillover“ regelmäßig und öfter vorkommen. Dabei stecken sich Menschen bei Nagetieren an, die als natürliches Reservoir für diese Erreger gelten. Meist sind es Kinder, die am Anfang der Infektionskette stehen und dann wiederum andere Mitglieder ihrer Familie anstecken. Und je öfter das passiere, desto mehr Möglichkeiten habe der Erreger, sich irgendwann allein durch die Übertragung von Mensch zu Mensch auszubreiten, warnt die auf Infektionskrankheiten spezialisierte Epidemiologin Kelly Charniga vom CDC. Man müsse jetzt jenen Gebieten mehr Aufmerksamkeit und Hilfe zukommen lassen, die heute am stärksten unter der Infektionskrankheit leiden. Dort, wo Menschen das größte Risiko tragen, sich mit Affenpocken anstecken und mitunter daran zu sterben. Das sei der beste Weg, um zu verhindern, „dass Affenpocken mehr Ausbrüche in der Demokratischen Republik Kongo verursachen – und zu einem größeren globalen Problem werden.“

          Weitere Themen

          „Immunität ist die Hoffnung“

          Vogelgrippe : „Immunität ist die Hoffnung“

          Tausende Seevögel sind in der vergangenen Brutsaison gestorben. Ein Ornithologe erklärt, warum er hofft, dass das Sterben im nächsten Frühsommer nicht weitergeht. Er hat Anhaltspunkte für ein wenig Hoffnung.

          Topmeldungen

          Die elf slowakischen MiG-29-Kampfflugzeuge wurden laut dem Verteidigungsministerium in Bratislava noch nicht an die Ukraine geliefert.

          Kampfflugzeuge für Kiew : Liefern, aber nur in Abstimmung

          Nach einer Bitte aus Kiew deuten östliche NATO-Mitglieder an, der Ukraine Kampfflugzeuge liefern zu wollen. Doch eine wesentliche Einschränkung bleibt.
          Monika Schnitzer ist seit 2022 Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Das fünfköpfige Gremium berät die Bundesregierung zur Wirtschaftspolitik.

          Monika Schnitzer : Revoluzzerin mit unangenehmen Botschaften

          Wer recht hat, bekommt nicht immer Beifall. Trotzdem wagt die oberste Wirtschaftsweise, Monika Schnitzer, klare Ansagen zur Rente, zum Fachkräftemangel und zur Einwanderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.