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Italienische Ärzte warnen : Die Katastrophe kann auch in Deutschland passieren

In Not: Medizinpersonal in einer Klinik in Brescia Bild: dpa

Könnten auch wir in unserem Land bald italienische Verhältnisse haben? Italienische Ärzte sagen Ja - und fordern in einem bewegenden Fachartikel, weitreichende Lehren aus der Krise zu ziehen. Und auf Telemedizin zu setzen.

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          Es ist wahrscheinlich eine menschliche Schwäche, stets zu versuchen, die Übertragbarkeit mahnender Beispiele auf die eigene Situation unter Verweis auf bestimmte situative Unterschiede zu relativieren: So erschien China am Anfang der Pandemie vielen ausreichend fremdartig und weit genug entfernt, um sich in Deutschland vor ähnlichem Chaos sicher zu fühlen. Und selbst die dramatische Situation in Italien, die uns nun zwar in direkter Nähe und unbestreitbar vor Augen steht, mag mancher noch unter Verweis auf die Unterschiede zwischen den italienischen und deutschen Gesundheitssystemen von sich weisen wollen. Dass diese Haltung naiv und gefährlich ist, versuchen nun aber dreizehn Ärzte des Papa Giovanni XXIII Hospital in Bergamo in einem eindringlichen Artikel in einem Spezialblatt des weltweit bedeutenden Medizin.Magazins „New England Journal of Medicine“ (NEJM Catalyst) zu zeigen.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Diese sich in der wohlhabenden Lombardei abspielende Katastrophe kann überall passieren”, so endet dort ihr dreiseitiger Appell. Ihr Krankenhaus sei eine neue und hochmoderne Einrichtung mit 48 Intensivbetten, die Lombardei eine der reichsten und am dichtesten besiedelten Regionen Europas. Ihre Klinik habe nun aber einen Punkt weit jenseits seiner eigentlichen Kapazitäten erreicht. Ein Drittel der Betten sei von Covid-19-Patienten belegt, 70 Prozent der Intensivbetten für diejenigen kritischen Patienten mit einer begründeten Überlebenschance reserviert. Sonst geltende medizinische Standards könnten nicht mehr aufrecht erhalten werden: Lange Wartezeiten seien unvermeidbar, alte Patienten könnten nicht mehr wiederbelebt werden und müssten alleine sterben. In anderen Kliniken im Umland sei die Situation noch dramatischer: notwendige medizinische Ausrüstung sei knapp, Patienten lägen in Gängen auf Matratzen, selbst Standardleistungen wie Schwangerschaftsbetreuung und Geburtshilfe könnten nicht mehr gewährleistet werden.

          Die Ärzte nehmen diese Situationsbeschreibung zum Anlass, neue Lösungen für den Umgang mit Covid-19 zu fordern, die nicht nur die Krankenhäuser betreffen, sondern gesamtgesellschaftlich gedacht werden sollten. So sei das gesamte Gesundheitssystem aus der Perspektive einer patientenbasierten Pflege entwickelt worden. Eine Pandemie erfordere aber eine gemeinschaftsbasierte Perspektive. Beispielsweise würden kontaminierte Hospitäler, Krankentransporte und erkranktes medizinisches Personal zur Verbreitung der Epidemie beitragen. Um dies zu verhindern, so der Vorschlag der Ärzte, solle verstärkt auf eine Behandlung Erkrankter zuhause gesetzt werden, indem Beatmungsgeräte, Blutsauerstoffmessgeräte und die Ernährung telemedizinisch überwacht eingesetzt werden, so dass die Kliniken sich auf die Versorgung der kritischen Fälle konzentrieren können. Dort solle der Schutz des Personals Priorität haben.

          Gleichzeitig betonen die Mediziner, das eine Abriegelungsstrategie nach wie vorrangig sei: Soziale Distanzierung habe in China die Ausbreitung um 60 Prozent abgeschwächt. Sozialwissenschaftler, Epidemiologen, Logistiker, Psychologen und Sozialarbeiter, sie alle seien nun gemeinsam gefragt, eine Antwort auf die Krise zu finden, denn “Wir brauchen einen Langzeitplan für die nächste Pandemie”. Das Coronavirus sei das Ebolafieber der Reichen, nicht übermäßig tödlich, dafür aber sehr ansteckend und daher eine Gefahr insbesondere für medizinisch entwickelte und zentralisierte Gesellschaften.

          Wer den kurzen Text liest, kommt kaum umhin, die Beschreibungen als Weckruf zu lesen, alles dafür zu tun, dass in Deutschland ähnliche Zustände vermeiden können — und dabei zu versuchen, aus der italienischen Situation so viel wie möglich zu lernen. Der Virologe Christian Drosten stufte das Papier auf Twitter entsprechend als “dringende Leseempfehlung” ein, “alle Entscheider sollten diesen Text kennen”.

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