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Abgasversuche : War das den Ärger wirklich wert?

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In einem neun Seiten langen Dokument wurde seinerzeit ausführlich begründet, warum man diese neue Grenze für wissenschaftlich belegt hält. Dort findet sich auch ein kurzer Satz, auf den sich nun die Autoren der Aachener Studie berufen: „Eine Recherche ergab keine neuen Probandenstudien mit kontrollierter Exposition gegenüber NO2.“ Durch diese Formulierung wäre schließlich zu neuen Expositionskammer-Experimenten aufgerufen worden.

Der Münchner Klinikdirektor Dennis Nowak erinnert sich, wie eines Tages Helmut Greim, der Leiter des wissenschaftlichen Beirats des EUGT, anklopfte: „Er kam auf uns zu und fragte: Wollen Sie hier nicht eine Studie machen, die EUGT würde das Geld dafür höchstwahrscheinlich zur Verfügung stellen.“ Der Kollege aus der Kommission, der den neuen MAK-Grenzwert festgelegt hatte, war damals gleichzeitig Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der EUGT, die auch andernorts Forschungsprojekte unterstützte, wenn sie mit Ergebnissen im Sinne der Autohersteller rechnen durfte. Ergebnisse zum Beispiel, die sich als Argument gegen härtere Umweltauflagen verwenden ließen.

2010 präsentierte Rudolf Jörres, der Leiter der experimentellen Umweltmedizin in Nowaks Institut, der EUGT ein erstes Konzept für eine neuerliche Studie. Zwei Jahre später wurde sie dann in Aachen durchgeführt. „Uns wurde weder bei Planung, Durchführung noch bei Auswertung in die Studie hereingeredet“, versichert Jörres. Ohne das Geld der Automobilindustrie, das gibt er allerdings unumwunden zu, hätte sie wahrscheinlich nie stattgefunden: „Ich hätte nicht zwei Wochen verschwendet, um einen sinnlosen Förderungsantrag zu schreiben und wäre auch nicht auf der Suche nach Geldgebern herumgetingelt.“

Bleibt die Frage, wie notwendig eine Studie war, für die offenbar niemand ohne Hintergedanken zahlen wollte? Zumal es 2002 schon einmal eine ganz ähnliche Arbeit gab. Damals nebelte der Umweltmediziner Mark Frampton von der Universität im amerikanischen Rochester 21 gesunde Probanden ebenfalls drei Stunden lang mit NO2 ein. Auch die verwendeten Konzentrationen waren mehr oder weniger identisch. Ergebnis: Frampton fand tatsächlich erste Anzeichen für eine Entzündung und eine Überempfindlichkeit der Atemwege, „allerdings waren sie gering und wahrscheinlich für gesunde Menschen unerheblich“, schränkt er ein. In Aachen wurde dieser Versuch mehr oder weniger wiederholt.

„Es ging um den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn“, verteidigt Jörres die Arbeit. Mit alltagstauglicheren Geräten und einer besseren Analytik habe man die Ergebnisse der Kollegen und den neuen Grenzwert noch einmal überprüfen wollen. „Wir hatten sogar fest damit gerechnet, Auffälligkeiten zu finden.“ Schließlich war die Höchstkonzentration von 1,5 ppm gerade darauf ausgelegt, erste Körperreaktionen zu erzeugen. Mit einer solchen Positivprobe belegen auch andere Wissenschaftler den korrekten Aufbau ihres Versuchs. Rudolf Jörres, Thomas Kraus und ihre Mitautoren fanden zur eigenen Enttäuschung nichts. Im Gegensatz zu den Experimenten anderer Kollegen schienen ihre Versuchspersonen auf das Stickstoffdioxid nicht zu reagieren – was den Interessen der Automobilindustrie natürlich entgegenkam. Allerdings, so schreiben die Autoren, könne man nicht ausschließen, dass eine chronische Exposition sich anders auswirken würde. Mit anderen Worten: der Gesundheit der Patienten schaden. „Die Berichterstattung über unsere Studie hat für mich, für das Institut, womöglich für das ganze Fach einen Riesenschaden angerichtet“, klagt Kraus. War der geringe wissenschaftliche Erkenntnisgewinn wirklich diesen Preis wert?

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