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Abgasversuche : War das den Ärger wirklich wert?

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Ist das ethisch noch vertretbar?

Auf der Suche nach versteckten Feinstaubbelastungen des Alltags hat Barbara Hoffmann in solchen Kammern schon Würstchen grillen und Brot toasten lassen. Es gibt aber auch weniger harmlos klingende Versuche: An der Universität Umeå nebelt der schwedische Lungenarzt Thomas Sandström beispielsweise Asthmakranke mit Dieselabgasen ein und bringt sie anschließend in Kontakt mit Allergenen. Kann es noch ethisch vertretbar sein, wenn Menschen ihre bereits angegriffene Gesundheit im Dienste der Forschung aufs Spiel setzen?

Joerg Hasford, Vorsitzender des Arbeitskreises Medizinischer Ethikkommissionen, hat dazu eine klare Haltung: „Die entscheidenden Fragen sind: Muss man damit rechnen, dass bei den Versuchspersonen irreversible Schäden auftreten? Und ist die Versuchsperson über mögliche Risiken vollumfänglich aufgeklärt worden?“ Leichte Symptome und auffällige Blutwerte seien durchaus hinnehmbar, solange sie sich schnell und vollständig zurückbildeten. Diesen Kriterien hat Sandströms Studie wohl standgehalten.

Auch was die angeblichen Menschenversuche in Aachen angeht, hätte Hasford, ehemals Professor für Biometrie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, was das Risiko für die Probanden angeht, „kein Problem gesehen“. 1,5 Teilchen NO2 pro Millionen Luftmoleküle mussten die Versuchspersonen über drei Stunden hinweg einatmen. Bis 2002 galten in deutschen Betrieben noch fünf ppm (parts per million) über den ganzen Tag, die ganze Woche und vierzig Jahre hinweg als völlig unbedenklich. Zudem sei in Aachen immer ein Arzt vor Ort gewesen, sagt der Münchner Dennis Nowak, „ich würde selbst meine eigenen Kinder da reinsetzen“. Im Gegensatz zu Medikamententests ist in solchen Studien die Zustimmung einer Ethikkommission ohnehin nicht vorgeschrieben. Wer Freiwillige in Kammern mit Schadstoffen konfrontiert, muss sich nur – wie in Aachen geschehen – von einem solchen Gremium aus unabhängigen Experten beraten lassen. Sollte der Betreffende den Rat ignorieren, riskiert er allerdings im Fall, dass etwas schiefgeht, Kopf und Kragen.

Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist traditionell eng

Ob eine Studie ethisch fragwürdig ist oder nicht, entscheidet sich allerdings nicht nur daran, ob die Probanden sie unbeschadet überstehen. Versuche, bei denen der Körper einer Person mit Schadstoffen traktiert wird, sagt Hasford, sollten wenigstens neue und für Medizin oder Wissenschaft wichtige Antworten liefern. Auch die Unabhängigkeit von externen Geldgebern spiele natürlich eine Rolle.

In dieser Hinsicht hagelte es ebenfalls Kritik an der Aachener Studie. 220.000 Euro hatte die umstrittene Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) auf das Drittmittelkonto von Thomas Kraus, dem Direktor des Aachener Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizinstudien, überwiesen. Als Finanzier der EUGT hatte die deutsche Automobilindustrie damit die Untersuchung fast vollständig gesponsert. In der Arbeitsmedizin ist das nichts Ungewöhnliches, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist traditionell eng, das liegt schon in der Natur der Sache. Für die Industrie sind die Fachleute zudem ideale Partner, weil sie nicht nach gefährlichen Krankheitssymptomen fahnden, sondern in der Regel nur nach jenem Wert, an dem der Körper auf einen Schadstoff nur zu reagieren beginnt. Unangenehmes hatten Daimler, Bosch, VW und BMW deshalb eigentlich nie zu befürchten.

Die Vorgeschichte der Finanzierung wirft Fragen auf

Irritierend ist allerdings die Vorgeschichte der Finanzierung. Für potentiell gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe wie Stickstoffdioxid definiert eine Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft sogenannte maximale Arbeitsplatz-Konzentrationen (MAK). Diese legen die Höhe der Dosis fest, der man ein Berufsleben lang ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen täglich ausgesetzt sein darf. Bis 2002 galten beim Stickstoffdioxid wie gesagt fünf ppm für Bergarbeiter und Lkw-Fahrer als unbedenklich. Dann aber stellte sich heraus, dass der Körper schon auf niedrigere Konzentrationen reagiert. Der Grenzwert wurde ausgesetzt. Erst sieben Jahre später rangen sich die 36 Experten zu einer neuen Festlegung durch. 0,5 ppm dürfen seitdem im Tagesdurchschnitt nicht mehr überschritten werden.

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