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Ab in die Botanik : Zerstören Liebeleien die europäische Wüste?

Bild: Charlotte Wagner

Sand, Steine, Gestrüpp: Unter der grellen Sonne kann man sich kaum vorstellen, dass die Dünen am Strand von Gran Canaria so empfindlich sind. Doch Touristen zerstören die seltenen Pflanzen und Tiere – mit ihren erotischen Eskapaden.

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          Auch wer den Jahreswechsel gerne in der Sonne verlebt, bleibt derzeit lieber in Europa, pandemiebedingt. Glücklicherweise scheiterten die Unabhängigkeitsbewegungen in den 1970er-Jahren, welche die Kanaren von Spanien loslösen wollten. So ist ein Urlaub auf Gran Canaria eine kleine Schummelei, denn dass man sich klimatisch gesehen eher in Afrika als in Iberien befindet, spürt man, wenn man durch die Dünen direkt an der Südküste stapft. Zwischen den gigantischen Wellen aus gelbgoldenem Sand fühlt man sich wie in der Sahara, der starke Wind bläst die Körner von einem Haufen zum nächsten. Dass man sich kulturell dennoch in Europa wähnt, wird offenkundig, wenn sich plötzlich ein Nackter jauchzend die Düne runterrollt und man Unbekleidete zwischen den Sandbergen beim Volleyball findet. Direkt entlang der Dünen zieht sich zwar der FKK-Strand, doch anscheinend tummeln sich in den Sandbergen auch lüsterne Touristen. Das schadet der Natur – doch die Promiskuität in der Mini-Wüste ist ein heikles Thema.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die kanarische Regierung verhängt seit Kurzem jedenfalls Strafen von 150 bis zu 600.000 Euro gegen Vandalismus in den Dünen. Das mehr als vierhundert Hektar große Areal steht seit Ende der 1980er unter Naturschutz, auch wenn Laien nicht auf den ersten Blick erkennen, was an dieser Landschaft denn behütet werden muss: Viel Sand, Steine, etwas graues Gestrüpp.

          Tatsächlich handelt es sich um seltene Wanderdünen, und auf den ortsfesten Nabkha-Dünen haben sich hochspezialisierte Pflanzen angesiedelt. Etwa die endemischen Gewächse Traganetum moquinii, ein Kraut, das kniehoch gedeiht, oder die strauchartige kanarische Tamariske, Tamarix canariensis, die ihre Wurzeln tief in den Sand schlägt und über Drüsen in ihren Blättern Salz ausscheidet. Auch kleine Pflanzen trotzen den rauen Bedingungen, wie die in Pastell blühende Polycarpaea nivea oder die Sukkulente Strand-Wolfsmilch.

          Bedenkliche Schäferstündchen im Sand

          Diese Dünen-Gewächse sind nun mit Zaunpflöcken und dicken Kordeln abgesperrt, wie Skulpturen im Museum, doch auch die Hunderte von Warnschildern halten die Touristen nicht auf. Die Dünenlandschaft verbindet zwei der größten Urlaubsorte Gran Canarias, Maspalomas und Playa del Inglés. Zudem ist die Insel seit geraumer Zeit ein beliebtes Ferienziel homosexueller Männer. Und anscheinend sind die Dünen beliebte Plätze für das sogenannte „Cruising“, also Schäferstündchen im Sand. So verendeten etwa Gran-Canaria-Rieseneidechsen Gallotia stehlini elendig an verspeisten Kondomen, wie der Geomorphologe Patrick Hesp der Flinders University im australischen Adelaide berichtet, der zu den Dünen kürzlich eine alarmierende Studie im „Journal of Environmental Management“ veröffentlichte. Die kanarischen und australischen Forscher untersuchten fast 300 Sex-Spots während eines Gay-Pride-Festivals im Jahr 2018. Je mehr Techtelmechtel an einem Ort stattfanden, desto mehr Müll sammelte sich, desto zerstörter war die Flora. Acht Pflanzenarten, davon drei nur auf Gran Canaria vorkommende, seien existenziell gefährdet. Welche genau bleibt allerdings unklar, da das Journal die Publikation zurückgezogen hat. Man müsse einige Formulierungen ändern, erklärt Hesp auf Anfrage.

          „Der Artikel verärgerte einige Leute, die ihn für homophob hielten, was er eindeutig nicht war.“ Denn natürlich machen die Liebestollen nur einen kleinen Anteil der vielen Touristen aus, die den Naturschutz in Gran Canaria mit Füßen treten. Wer am Strand spaziert, erblickt Wanderer, Rentner und Familien, die ungerührt durch geschützte Bereiche latschen. So wäre es für die Dünen wohl gesünder gewesen, die Kanaren hätten sich von Spanien und dem europäischen Massentourismus losgesagt.

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