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Ab in die Botanik : Kommissar Ambrosia

Wer nach seinem Tod bestattet wird, wird mit seinen Stickstoff-Reserven prompt zum Dünger. Bild: Charlotte Wagner

Aus toten Körpern entweicht Stickstoff – und düngt damit die Pflanzen in der Umgebung. Das wollen sich Kriminalisten zu Nutze machen und suchen nach Auffälligkeiten in Wäldern und Wiesen, um unbekannte Gräber ausfindig zu machen.

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          Es gibt wohl nichts, was nur gut ist. Auch die Avocado und Joanne K. Rowling, einst vielversprechende Kandidaten, haben versagt. An dem Hype um die grüne Superfrucht verdienen mexikanische Drogenkartelle, und die Schöpferin von Harry Potter wird von einer wütenden Twitter-Meute bezichtigt, Transvestiten zu diskriminieren. Selbst in der ungezähmten Natur findet sich das Wahre, Schöne und Gute vereint mit Schrecklichem. Auch knallgrüne Wiesen oder die üppige Blätterpracht eines Japanischen Ligusters sind manchmal moralisch verwerflich. Hinter sattem Grün kann ein düsteres Geheimnis verborgen liegen, oder besser gesagt: darunter.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So beschäftigt sich die forensische Botanik mit Pflanzen, die als Beweismittel in Kriminalverfahren eine Rolle spielen können. Forscher wollen mit Hilfe von Gräsern oder Bäumen verscharrte Mordopfer aufspüren: Ein verwesender Körper, ob Mensch oder Tier, sondert Nährstoffe an den umliegenden Boden ab, etwa Stickstoff, auf den Pflanzen angewiesen sind.

          Biologen um C. Neal Stewart von der University of Tennessee in Knoxville berichten in Trends in Plant Science, dass ein Amerikaner durchschnittlich 2,6 Kilogramm Stickstoff in sich trägt, die nach dem Ableben frei werden. Dies entspräche fünfzigmal der Menge an Pflanzendünger, die für Bäume und Sträucher in einer Saison empfohlen würden. Der Nährstoffrausch kann für die umliegenden Pflanzen ein Wachstumskick sein, und Stickstoff bringt sie außerdem dazu, mehr Chlorophyll zu produzieren. Das färbt ihre Blätter grün.

          Gelbe Blätter für tote Raucher

          Abgestorbenes Gebüsch kann ebenfalls auf ein Grab hinweisen – womöglich wurden die Wurzeln beim Ausheben gekappt. Invasive, exotische Gewächse machen sich auf verborgenen Gräbern gerne breit, denn sie können flexibler auf veränderte Umweltbedingungen reagieren und somit die einheimischen überwuchern, beispielsweise der Japanische Liguster, Ligustrum japonicum. Ein Versuch mit Schweinekadavern in Kanada zeigte wiederum, dass das aggressive, von Allergikern gefürchtete Traubenkraut, Ambrosia artemisiifolia, auf den Tiergräbern exzellent gedieh. Einige Gräser wie die Blutrote Fingerhirse, Digitaria sanguinalis, wuchsen sogar ausschließlich dort und waren auf den Kontrollflächen nicht zu finden. Auf deutschen Wiesen wäre natürlich ein anderes Muster zu erwarten.

          Mit ihren Versuchen hoffen Stewart und seine Mitarbeiter, irgendwann Verstorbene in unzugänglichen Wäldern aufspüren zu können. Wäre bekannt, wie sich die durch Verwesung freigesetzten Stoffe auf die Zusammensetzung und Farbe der Blätter auswirken, könnten Drohnen mit spezifischen Sensoren diese Veränderung registrieren, wenn zum Beispiel Baumkronen das Sonnenlicht verschieden reflektieren. Allerdings sind vorher eindeutig vom Körper des Menschen rührende Einflüsse auf die Pflanze zu identifizieren, sonst marschiert das FBI in einen unberührten Wald und stößt dort nur auf ein totes Reh.

          Allzu menschliche Vorlieben helfen dann dabei: In den Nieren von Kettenrauchern reichert sich Cadmium an. Das ist giftig und lässt die Blätter verblassen. Gelbstichige Pflanzen wären also womöglich ein Indiz für ein verstecktes Raucher-Grab, meinen die Forscher. So könnte ein exzessiver Tabakkonsum zu Lebzeiten dazu führen, dass man einmal frei nach Gerhard Polt „a scheene Leich“ wird – und noch bei der Suche hilft, sterbe man im Wald vermisst oder fände man als Mordopfer sein Ende: für Zyniker und Krimiautoren eine Mordsgaudi.

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