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Ab in die Botanik : Diese Pflanzen sind radikal lokal

Die Cape-Pillar-Sheoak (Allocasuarina crassa) wächst nur ein einem von Steilküsten umgebenen Kap an der Südostküste Tasmaniens Bild: Foto Ulf von Rauchhaupt

Radikale Endemiten sind Pflanzen, die nur an einem Ort auf der Welt wachsen. Man findet sie überall.

          2 Min.

          Im Südosten Tasmaniens ragt Cape Pillar in den Ozean, der Australien von der Antarktis trennt. Es ist ein Ende der Welt und ein besonders unzugängliches dazu: In Steilklippen fällt das schmale Kap zum Meer ab, und oben ist es von einem dornigen Dickicht überzogen. Hier ist die Heimat der Cape-Pillar-Sheoak (Allocasuarina crassa), einer buschigen Baumart, die nur auf dieser, keine 20 Quadratkilometer großen Landzunge wächst – und sonst nirgends auf der Welt.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Endemiten heißen Organismen, die nur an einem Ort vorkommen. In tropischen Diversitäts-Hotspots sind sie ein häufiges Phänomen. In klimatisch gemäßigten Zonen wie auf Tasmanien bedarf es aber schon besonderer Bedingungen, damit sie sich entwickeln und halten können. Auch Mitteleuropa ist eher arm an Endemiten. Unter den über viertausend Arten höherer Pflanzen in Deutschland sind laut WWF gerade einmal 42, die es nur hier gibt – auf der Iberischen Halbinsel sind es schon 700. Ein Grund dafür ist die vergleichsweise unoriginelle Geographie unserer Heimat. Die Bedingungen, die sie bietet, gibt es so ähnlich auch anderswo. Der andere Grund ist die Eiszeit, die erst vor zwölftausend Jahren endete und der Evolution daher nicht mehr Zeit gab, sich lokale Sonderformen heranzuziehen. Die deutschen Endemiten häufen sich denn auch in Gegenden, die von den eiszeitlichen Gletschern verschont geblieben sind und Pflanzen daher als Rückzugsgebiete dienen konnten. So wächst etwa das Bayerische Löffelkraut (Cochlearia bavarica) nur an wenigen (heute geheim gehaltenen) Standorten im Süden der bayrischen Regierungsbezirke Schwaben und Oberbayern.

          Endemiten ein Politikum

          Manche heimische Gewächse können es in Sachen radikalen Lokalismus durchaus mit der Cape-Pillar-Sheoak aufnehmen. Als deutscher Rekordhalter firmiert hier oft das Bayerische Federgras (Stipa bavarica), das nur auf einem nur dreißig Quadratmeter großen Stück Trockenrasen bei Neuburg an der Donau anzutreffen ist. Nach Auskunft des zuständigen Landkreises wachsen dort gerade einmal hundert Büschel dieses Grases. In Nordrhein-Westfalen sind die Landkreise Paderborn und Höxter sowie der Hochsauerlandkreis stolz auf das nur in ihrem gemeinsamen Grenzgebiet vorkommende Violette Galmei-Stiefmütterchen (Viola guestphalica), die Aachener auf das allein in der Umgebung ihrer Stadt wachsende Gelbe Galmei-Veilchen (Viola calaminaria), und in Hamburg treibt man allerhand Aufwand, um den Schierlings-Wasserfenchel (Oenanthe conioides) in der Unterelbe zu retten.

          Doch wird man bei allen diesen Beispielen mit der Frage konfrontiert, ob es sich tatsächlich um eigene Arten handelt. Beim Bayrischen Federgras gesteht bereits die Website des Landkreises, dass die taxonomische Eingruppierung umstritten sei und es sich auch um eine Unterart von Stipa pulcherrima handeln könnte. Die beiden genannten westfälischen Stiefmütterchen führt die internationale Botaniker-Datenbank „Plant List“ (www.theplantlist.org) als Varietäten des Vogesen-Stiefmütterchens (Viola lutea) an und den Namen des umsorgten Doldenblütlers an der Elbe als Synonym des Flutenden Wasserfenchels (Oenanthe fluviatilis), den es auch anderswo in Westeuropa gibt und der demnach kein Endemit ist. Allerdings ist er extrem selten und darum natürlich schützenswert. Offenbar sind Schutzbemühungen politisch aber einfacher durchzusetzen, wenn man behauptet, den Schützling gebe es sonst nirgendwo mehr auf der Welt.

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