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Alles im grünen Bereich : Ein Loch ist im Eimer

  • -Aktualisiert am

Der Versuch des Unmöglichen: gießen und lesen gleichzeitig Bild: Charlotte Wagner

Passen Gärtnern und Schreiben eigentlich zusammen? Beides sind doch höchst kreative Tätigkeiten und erfordern intensives Nachdenken. Und das ist auch der Haken daran.

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          Eine Zeitlang habe ich gedacht: Wenn ich mal in Rente gehe, dann kann ich mein Hobby und meinen Beruf unter einen Hut bringen. Brauche ich Bewegung, gehe ich in den Garten, ist mir mehr nach geistiger Tätigkeit, setze ich mich hin und schreibe ein Buch. Doch langsam kommen mir Zweifel. Passt das wirklich zusammen, das Gärtnern und das Schreiben?

          Der Brite Robin Lane Fox, der mit beidem langjährige Erfahrung hat, beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Es sei nämlich nicht so, dass man mit dem Stoff, der zu Papier gebracht werden soll, gedanklich weiterkommt, wenn man sich um den Garten kümmert. Beim Unkrautjäten denkt man ans Unkrautjäten, und nicht etwa an die geopolitischen Ambitionen Alexanders des Großen, über den Fox eine hochgelobte Biographie verfasst hat. Wer damit beschäftigt ist, welke Rosenblüten zu entfernen, hat vielleicht etwas mehr intellektuelle Kapazitäten frei, aber nicht so viel, dass er einen komplexen Satz zu Ende formulieren könnte.

          Gärtnern kann etwas Meditatives an sich haben. Nach einer Weile stellt sich manchmal eine Art „Flow“ ein, der darüber hinaus aber keine weiteren Erkenntnisse zutage fördert und einen schon gar nicht zurück an den Schreibtisch treibt. Auch eventuelle Schreibblockaden lassen sich so nicht überwinden. Der einzige Gedanke, der sich irgendwann zuverlässig einstellt, ist der, dass man nun mal eine Pause brauchen könnte, um den Rücken wieder gerade zu biegen. Und ein Bier wäre auch nicht schlecht.

          Die goldene Regel für das Schreiben

          Robin Fox führt zum Beweis seiner These an, dass sich kaum Schriftsteller von Rang finden lassen, die nachgewiesenermaßen selbst in nennenswertem Umfang Hand im Garten angelegt haben. Allenfalls haben sie sich von fremden Gärten inspirieren lassen. Marcel Proust liebte Blumen, aber musste sich von ihnen strikt fernhalten, wenn sie blühten, weil er unter starker Pollenallergie litt. Jean-Paul Sartre, der Inbegriff des Intellektuellen, war sogar ein dezidierter Hasser von allem, was knospte und gedieh.

          Daraus könnte man nun folgern, dass Gärtnern eine stumpfe Tätigkeit ist, die keinerlei Nachdenken fordert. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist nur ein anderes Nachdenken. Typisches Beispiel: Anfang Juli sind ein paar traurige Lücken in der Rabatte zu beklagen, da müssten neue Stauden her. Vorher muss ich aber das Unkraut entfernen und den Boden hacken, wobei sich herausstellt, dass es an Humus fehlt, den ich nur bekomme, wenn ich den Kompost siebe, wozu ich ihn vorher umsetzen muss, was den Bau eines neuen Kompostbehälters nötig macht, der auch erst mal herbeigeschafft werden muss. Wie in dem Volkslied vom Wasser und dem Eimer, der ein Loch hat, und dem Stroh, das zu lang ist, und dem Beil, das . . .

          Schreiben funktioniert genau andersherum. Eine bekannte Regel für Journalisten lautet, dass der erste Satz so formuliert sein muss, dass der Leser unbedingt auch den zweiten Satz lesen will, und dann immer so weiter. Zwar sollte am Ende ein Ergebnis stehen, aber wichtiger ist doch der Weg dahin, der möglichst plastisch zu schildern ist und ganz bestimmt nicht zwischen den Zeilen. Insofern ist der Gärtner ein Geheimniskrämer und der Schreiber ein Posaunenbläser. Beides auf einmal geht nicht.

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