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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Die grimmige Nessel

In Neuseeland gibt es keine wilden Tiere und kaum Gewaltkriminalität. Aber es gibt Urtica ferox.

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          Niemand setzt sich gerne in die Nesseln. Es ist unangenehm, aber die Pein ist in der Regel schnell überstanden, zumindest dann, wenn es um den wörtlichen Sinn des Vorganges geht und man es dabei mit Urtica dioica zu tun hat, der Großen Brennnessel, der hierzulande bekanntesten Art der Brennnesselgewächse. Jetzt im Hochsommer steht das Kraut wieder voll im Saft, den an ihm nagenden Schmetterlingsraupen zur Freude, welche den kieseligen Nädelchen mitsamt Reizstoffcocktail aus Ameisensäure, Serotonin und Histamin auszuweichen wissen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf Neuseeland allerdings ist eine Art der Gattung Urtica heimisch, die sich wie ein gruseliger Mutant unserer Brennnessel aufführt. Urtica ferox, wörtlich die „grimmige Nessel“, wird von den Maori „Ongaonga“ genannt, ein Wort, das in ihrer Sprache als Verb so viel heißt wie „entsetzt sein“ oder „abstoßend finden“. Aus gutem Grund. Anders als ihre krautigen europäischen Verwandten ist Urtica ferox ein teilweise verholzendes Gewächs, das bis zu drei Meter hoch wird und daher von den englischsprachigen Neuseeländern auch „tree nettle“ genannt wird. Und mit den Stichen ihrer bis zu sechs Millimeter langen Haarnadeln ist nicht zu spaßen. Auch sie enthalten Ameisensäure und die genannten neurologisch aktiven Substanzen, aber offenbar in einer anderen Dosis und Zusammensetzung als die mitteleuropäischen Brennnesseln. Denn die Folgen einer Begegnung mit U. ferox können mehrere Tage bis einige Wochen andauern, äußerst schmerzhaft ausfallen und schwere neurologische Symptome auslösen. Die Stiche sind mitunter sogar lebensgefährlich. Es gibt Berichte über Hunde und sogar Pferde, die der Pflanze zum Opfer gefallen sind.

          Tod wegen zu kurzer Hosen

          An menschlichen Todesfällen ist bislang nur einer dokumentiert: Am 26. Dezember 1961 streiften zwei offenbar allzu sommerlich gekleidete junge Männer zu Jagdzwecken durch den Busch der Ruahine-Bergkette im Südosten der neuseeländischen Nordinsel und gerieten dabei an ein oder mehrere Exemplare des Ongaonga. Zunächst war diese Begegnung lediglich schmerzhaft. Etwa eine Stunde später jedoch versagten den Jägern die Beine, sie bekamen Atemprobleme, und schließlich sahen sie nichts mehr. Zwar schafften sie es noch in ein Krankenhaus, wo einer der beiden Männer allerdings fünf Stunden nach den Stichen der Killer-Nessel verstarb.

          Was genau Urtica ferox so grimmig macht, ist erstaunlich wenig erforscht. Die große medizinische Datenbank Pub-Med liefert zu dem Gewächs gerade mal fünf Veröffentlichungen seit 1993, in denen noch auf zwei weitere aus den Jahren 1977 und 1967 verwiesen wird. Und dann gab es da noch die heroischen Versuche, die Laura Joyce von der Rangi Ruru Girls School in den 1990er Jahren durchgeführt hat: Die neuseeländische Schülerin stach sich selbst mit Urtica-ferox-Stacheln in die Arme und behandelte die Stellen dann mit Extrakten verschiedener Pflanzen, denen positive Effekte bei Hautirritationen nachgesagt werden. Am besten habe Calendula zusammen mit Backpulver zur Neutralisation der Ameisensäure gewirkt, schrieb die Schülerin damals in ihrem im Internet wohl eher zufällig erhalten gebliebenen Bericht. „Das war ein Projekt für die Canterbury-Westland School Science Fair“, erinnert sie sich. „Ich war damals 14 und habe gewonnen.“ Laura Joyce wurde Ärztin und ist heute Dozentin für Notfallmedizin.

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