https://www.faz.net/-gwz-aaq5e

Ab in die Botanik : Ist Rindenmulch der ideale Deckmantel?

Bild: Charlotte Wagner

Zu dicke Schichten Mulch nehmen dem Leben im Boden die Luft. Und deshalb sollte man statt Rindenschnipseln besser zu Alternativen greifen. Hier einige Vorschläge.

          2 Min.

          Sie hat es wieder getan. Immer im Frühling schüttet die Nachbarin säckeweise Rindenmulch in den Garten, direkt unter die Kirschlorbeerbeete am Rand ihres Planquadrats. Das Zeug türmt sich mittlerweile höher als die beachtliche Schneedecke, die wir hier im Februar hatten, und bildet eine scharfe Grenze zum sandfarbenen Pflaster, das entlang der Beete verläuft. Der Rasen, klassisch in der Mitte des Gartens angelegt, hat trotz Aprilkälte schon jetzt jenes basilikumhafte Grün angenommen, das mein Rasen, der in Wirklichkeit eine Wiese ist, erst im Juni ausstrahlt. Kürzlich habe ich überlegt, ob der Garten strikt nach den Regeln von Marie Kondo geplant wurde, aber ich muss zugeben: Er macht was her.

          Andreas Frey
          (frey), Freier Autor

          Mit meinem grünen Gewissen könnte ich dieses Stück aufgeräumte Natur niemals vereinbaren – aber ich kann mich ökologisch, damit moralisch, abheben. Da wäre einmal der Rasen der Nachbarin, vollgepumpt mit Stickstoffdünger, eine veritable Nitrat-Bombe, dann der dem Naturschutzbund zufolge „verbrecherische“ Kirschlorbeer, eine „hochgiftige, ökologische Pest“, und schließlich der Rindenmulch, in dieser Dichte eine Kriegserklärung an alle bodennistenden Insekten.

          Todesurteil für Wildbienen und Grabwespen

          Ja, richtig gelesen, Rindenmulch schadet der Natur! Offensichtlich hat sich die Warnung zahlreicher Umweltverbände noch nicht zu meiner Nachbarin herumgesprochen, aber der aus gehäckselten Baumrinden bestehende Mulch kann fatal für Boden und Bodenleben sein, ein Todesurteil für Wildbienen und Grabwespen, die darin ihre Nester angelegt haben. Zu dick aufgetragen, nimmt das Material den biologischen Prozessen quasi die Luft. Seit Jahren warnt der Wildbienenexperte Christian Schmid-Egger von der Deutschen Wildtier Stiftung vor den Folgen. Die Bodenqualität nimmt ab, zumal sich das Zeug nur sehr langsam zersetzt. Außerdem kann Rindenmulch den Boden ansäuern, denn die Rinde stammt meist aus Nadelhölzern. Und, vielleicht überzeugt ja dieses Argument: Darin verstecken sich Schnecken.

          Dabei ist Mulch eigentlich eine gute Idee. Dünn aufgeschüttet, schützt er vor direkter Sonneneinstrahlung, hält Beete feucht, führt dem Boden Nährstoffe zu und bietet Tieren Unterschlupf sowie Futter. Zudem hält Rindenmulch Unkraut zurück, das man ökologisch korrekt als unerwünschte Wildkräuter bezeichnet, und verleiht dem Garten ein gepflegtes Erscheinungsbild. Ich glaube, der wahre Grund, warum die Deutschen so vernarrt in Rindenmulch sind, ist ihr Wunsch, alles ordentlich zu gestalten – jetzt unter dem Deckmantel eines Naturmaterials.

          Rindenklein nur in Schatten und in Maßen

          Dabei gäbe es günstige Alternativen: Laub und Kompost als dünne Mulchschicht eignen sich, sogar Rasenschnitt. Für die Marie-Kondo-Fraktion der deutschen Gärtner ist das vermutlich nichts, für die sind Bodendecker wohl besser geeignet, wie ein Storchschnabel oder das hübsche Kleine Immergrün (Vinca minor), das im Frühling blau erblüht. Holzhackschnitzel sind ebenfalls beliebt, allerdings bildet sich darunter häufig Schimmel.

          Abschwören muss man dem Rindenmulch jedoch nicht ganz: „In einem Schattengarten etwas davon aufzutragen ist unproblematisch“, sagt die Ökologin Alexandra-Maria Klein von der Universität Freiburg. Bestenfalls wählt man Rindenmulch von solchen oder ähnlichen Baumarten aus, die im Garten als Gehölze wachsen, empfiehlt Klein. So gesehen hat die Nachbarin doch nicht alles falsch gemacht, die Kirschlorbeerbüsche stehen im Schatten; sie hat den Mulch vielleicht zu großzügig verteilt. Aber dieser saftig-grüne, hochgedopte Rasen geht natürlich überhaupt nicht.

          Weitere Themen

          Im Namen der Freiheit

          Highlights des Klima-Urteils : Im Namen der Freiheit

          Das Bundesverfassungsgericht hat auch Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Das Klimaschutz-Urteil ist ein Füllhorn der Klima-Expertise – und keine Verfassungslyrik. Wir zitieren die beeindruckendsten Stellen.

          Topmeldungen

          Er hat kein Interesse daran, die Patente für seinen Impfstoff aufzugeben: Albert Bourla, CEO von Pfizer

          F.A.Z.-Frühdenker : Streit um die Impfstoff-Patente

          Genesene und Geimpfte können sich möglicherweise ab dem Wochenende über mehr Normalität freuen und die SPD will Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten vorstellen. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.