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Ab in die Botanik : Jetzt beginnt die Zeit der Maiglöckchen

Über den Geschmack von Bärlauch-Pesto lässt sich streiten.Aber nicht über die richtige Bestimmung: Vorsicht, es besteht Verwechslungsgefahr - zu den giftigen Blättern von Herbstzeitlose oder Maiglöckchen! Bild: Charlotte Wagner

Bärlauch wird überschätzt. Und der Hype um das Wildgemüse ist nicht ganz ungefährlich, wenn man sich nicht auskennt. Denn eine Verwechslung kann zu einer Vergiftung führen.

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          Überall krabbeln sie jetzt wieder durchs Unterholz oder stolpern über Wiesengrund, die emsigen Kräutersammler. Dass manche dabei nicht nur auf Löwenzahn, Bärlauch, Pimpinelle oder Sauerampfer stoßen, sondern womöglich ein menschliches Skelett entdecken, mag dann Zufall sein. Kann aber auch an der Eifel liegen, die ja inzwischen berühmt für „Mord mit Aussicht“ ist; Vorbild scheint also diese wunderbar skurrile Serie zu sein – oder warum in aller Welt schaut man sonst abseits des Weges in einen Betonschacht, wo prompt die Überreste eines seit 2009 Verschollenen auftauchen?

          Sonja Kastilan
          (sks), Wissenschaft

          Ob die nahe Rommersheim fündig gewordenen Kräutersammler ihr Glück überhaupt fassen konnten, hat die Polizei in ihrer Mitteilung verschwiegen. Übrigens auch, dass sich in der Ortschaft eine spätgotische Kirche befindet, die Sankt Maximin, einst Bischof von Trier, geweiht ist. Ihm soll einmal ein Bär als Lasttier gedient haben, und Gläubige rufen ihn in bekannter Form an, damit er sie vor Gefahren des Meeres, Meineid oder Regen bewahre, das aber nur nebenbei, sein Gedenktag ist erst am 29. Mai.

          Meine Nachbarin lässt sich vielleicht von Regen, aber kaum durch Schreckensmeldungen aus der Nordeifel davon abhalten, bei Anbruch der Dämmerung in den Park zu schleichen, um anschließend andere mit Bärlauch-Pesto zu beglücken. In Hessen wächst Allium ursinum nicht gerade selten, dazu sehe und rieche ich das zur Familie der Amaryllidaceae zählende Gewächs viel zu oft, und ihre Sammelzone ist bisher nicht als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Doch so gern ich ihr mit Sieb oder Salatschleuder aushelfe: Für mich ist das Alliin- und Methiin-haltige Püree nix. Ich verzichte gern auf alles, was nach neuester Tradition Bärlauch enthält – das wird von Jahr zu Jahr mehr, und spreche ganz altmodisch von Hexenzwiebel, denn ich halte den Hype eher für einen Fluch.

          Zarte Blüten als Liebessymbol

          Zwar kann ich mich sowohl für die Radiärsymmetrie als auch für das Aroma der weißen Blüten begeistern, darüber hinaus überlasse ich dieses Wildgemüse lieber anderen. Nicht aus Angst, das Grünzeug mit den giftigen Blättern von Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) oder des Maiglöckchens (Convallaria majalis) zu verwechseln, obwohl da Vorsicht geboten ist. Gerade erst erlag ein Pfälzer einer akuten Vergiftung, weil er und seine Ehefrau versehentlich das schmalere und geruchlose (!) Herbstzeitlosenlaub anstelle von Bärlauch verspeist hatten, die Frau konnte gerettet werden. Und schon der Hautkontakt mit C. majalis kann unangenehm sein, der Verzehr zu Schwindel, Übelkeit und Herzrhythmusstörungen führen – bis hin bis zum Herzstillstand. Nein, die richtige Bestimmung traue ich mir zu, besonders jetzt zur Blütezeit, trotzdem hege ich mehr Sympathien für eine zünftige „Fête du Muguet“ als für Bärlauchorgien.

          In Frankreich ist es am 1. Mai Brauch, Maiglöckchen, les muguets, als Glücksbringer zu verschenken. Es ist der Tag der Arbeit, noch dazu des Glücks und naturellement: ein Fest der Liebe. Die Wurzeln dieser Tradition reichen ins Mittelalter zurück, im 16. Jahrhundert soll Charles IX. die fête de l’amour offiziell begründet haben, als er Damen seines Hofstaates mit betörenden Bouquets beglückte. Neben Rose und Lilie zählt das Maiglöckchen zu den keuschen Marienblumen, als Zeichen von Reinheit und Demut, doch kündigt es auch den Sommer an und verheißt Liebesglück.

          Und „Verführung“ lässt sich wohl kaum hübscher durch die Blume sagen als mit dem französischen Verb „mugueter“. Das macht den intensiven Duft, oft Kopf- oder Herznote berühmter Parfüms, vielleicht für Brautsträuße so attraktiv; vor zehn Jahren schritt Kate Middleton damit zum Altar, der Rest ist Geschichte in Kapiteln namens George, Charlotte und Louis. Natürlich schätzten Poeten wie Eichendorff, Hoffmann von Fallersleben oder Balzac das Maiglöckchen, und Freddie Mercury widmete „Lily of The Valley“ zarte fünfzehn Zeilen in 1:43 Minuten auf dem Album „Sheer Heart Attack“; 1974 war das für Queen der Durchbruch – und Start ihrer musikalischen Welteroberung.

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