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Glühwein „to go“: Für die richtige Atmosphäre muss man in diesem Advent selbst sorgen, sollte sich dabei aber nicht unbedingt an amerikanischen Riten orientieren. Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Gaumenfreuden anderer Art

Was Archäologen in Höhlen so finden, lässt einen manchmal staunen: Stechapfel? Im Vergleich dazu sind Gewürze wie Kardamom und Zimt schon deutlich bekömmlicher.

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          Statt des Adventskaffeekränzchens oder eines ausgedehnten Weihnachtsmarktbummels gibt es dieses Jahr nur Glühwein „to go“. Das schränkt die Möglichkeiten, sich gemeinsam an der winterlichen Vorfreude zu berauschen doch erheblich ein. Und so schön es sein mag, den Duft von Orange, Zimt, Kardamom und Sternanis in der Nase zu haben, während man zu Hause, am Computer sitzend, guten Freunden virtuell zuprostet, so wenig erquicklich ist es, einen Punsch ganz für sich allein zu mixen. Sei es nur heißer Apfelsaft mit Gewürzen.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Allerdings käme ich wohl nie auf die Idee, rituell auf einer Zimtstange oder grünen Samenkapseln herumzukauen, um den ausgelutschten Matsch anschließend in eine Mauerritze in Frankfurts neuer Altstadt zu drücken. So ähnlich stelle ich mir jedenfalls vor, was vielleicht bis ins 19. Jahrhundert in der südkalifornischen „Pinwheel Cave“ vollzogen wurde, denn dort entdeckten Archäologen Dutzende trockener Klumpen aus Pflanzenfasern, die offensichtlich in Felsspalten geklebt wurden wie olles Kaugummi. Als Ritual, denn in dieser Höhle saß man nicht nur gemütlich am Lagerfeuer, obwohl Kohle und Pflanzenreste auch eine Nutzung als Speisesaal belegen, dessen Decke mit roten Ornamenten, Himmelskörpern und Figuren bemalt ist. Darunter ein merkwürdiges Mottenwesen und eine Art Windrädchen, „pinwheel“, was sehr wahrscheinlich die sich öffnende Blüte des kalifornischen Stechapfels symbolisieren soll: Datura wrightii ist eine Gift- oder Heilpflanze, je nach Dosis, und gedeiht in der Region. Sie wurde von verschiedenen Stämmen der amerikanischen Ureinwohner von alters her genutzt, mal in einem Tee für Initiationsriten, mal zu medizinischen Zwecken; und sie hatte nicht nur spirituelle, sondern außerdem mythologische Bedeutung.

          Halluzinogene fürs Höhlenritual

          Psychoaktive Substanzen, wie Atropin und Scopolamin, machten den Stechapfel hier zu dem, wozu andernorts Pilze oder Peyote herangezogen wurden, berichten Anthropologen. Und aktuelle Analysen von 15 ausgekratzten Pinwheel-Priemen bestätigen, dass Datura in fast allen zu finden ist, wobei einst auch Yucca, Tabak oder Agave für solche Gaumenfreuden, mit und ohne Alkaloide, verarbeitet wurden. Ob die Höhlenmalereien wiederum unter dem Einfluss von Drogen entstanden sind oder nicht, ob von einzelnen Schamanen oder Gruppen, bleibt Spekulation, jedoch ist erkennbar, dass das Symbol der betörenden Blüte mehrfach nachgezeichnet wurde, während das fühlertragende Wesen mit deren Befruchtung in Verbindung stehen könnte.

          Ich habe keinerlei Erfahrung damit und rate vor Selbstversuchen ab, trotzdem stelle ich mir Höhlenrituale besinnlicher vor, als sich etwa drei Gramm Gewürzpulver in schwarzen Tee zu rühren. Diese Mixtur mussten Probanden einer Studie über acht Wochen tagtäglich trinken, um die Wirkungsweisen von Ingwer, Kardamom, Safran oder Zimt auf den menschlichen Stoffwechsel zu vergleichen, mit Blick auf Diabetiker. Offenbar ließen sich so zumindest die Cholesterinwerte verbessern, und das lässt hoffen, denn ich liebe diese Gewürze, mit einer Neigung zum Grünen Kardamom, Elettaria cardamomun, mehr noch als zum äthiopischen Aframomum corrorima oder Schwarzen Amomum subulatum. Allesamt Ingwergewächse, und seit ich im südindischen Kerala einmal einen Garten voller Gewürzpflanzen besuchte, weiß ich ihre Vielfalt noch mehr zu schätzen. Auch ohne Rausch, ganz nach Geschmack.

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