https://www.faz.net/aktuell/wissen/ab-in-die-botanik/fleischfressende-pilze-nicht-alle-sind-vegetarier-18616598.html

Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Carnivore Schwammerl

Nicht einmal Pilze sind alle Vegetarier. Zu denen, die sich an Tieren vergreifen, gehört sogar ein beliebter Speisepilz.

          2 Min.

          Fleischfressende Pflanzen sind ein beliebtes und wiederkehrendes Thema unserer angstlustigen Populärkultur. An der Nevermore-Academy etwa, jenem Goth-Hogwarts aus der Streaming-Serie „Wednesday“, be­streitet die Botaniklehrerin Mrs. Thornhill ihre Unterrichtseinheiten mit besonderen Zuchtformen der Venusfliegenfalle und füttert sie mit fetten Regenwürmern. In Wahrheit schnappen sich die kultigen Sonnentaugewächse allerdings nur Fliegen, Ameisen oder vielleicht mal eine unvorsichtige Spinne.

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei Pleurotus ostreatus hingegen stehen tatsächlich Würmer auf dem Speiseplan, wenn auch keine vom Stamm der Ringelwürmer sondern Nematoden, unter denen Caenorhabditis elegans im 20. Jahrhundert zum Lieblingstier der Zellbiologen aufstieg und zum ersten Vielzeller mit vollständig sequenziertem Genom. Mit einer Körperlänge von höchstens einem Millimeter ist C. elegans zwar la­bortechnisch eigentlich schon ein Mi­kroorganismus, aber biologisch handelt es sich eindeutig um ein Tier und ist damit tabu für Vegetarier – nicht aber für eine fleischfressende Pflanze.

          Da ist wohl auch der Wurm drin: Austernseitlinge im Frankfurter Stadtwald.
          Da ist wohl auch der Wurm drin: Austernseitlinge im Frankfurter Stadtwald. : Bild: Frank Röth

          Nur: Pleurotus ostreatus ist keine Pflanze. Er ist ein Pilz – und zwar einer im volkstümlichen Sinne, komplett mit Stil und Hut, keiner dieser unappetitlichen Gesellen, die auf Fußnägeln wachsen oder Ameisen in Zombies verwandeln. Tatsächlich gehört P. ostreatus sogar in die Ordnung der Champignonartigen und sieht mit seiner hellbraunen Kappenoberfläche und den schneeweißen La­mellen nicht nur wohlschmeckend aus, sondern er ist es auch. Im Deutschen heißt er offiziell Austernseitling, in Kochbüchern zuweilen auch „Kalbfleisch-Pilz“, und er lässt sich leicht kultivieren. So etwas frisst wirklich Würmer?

          Tatsächlich haben sich dergleichen im Laufe der Evolution nur wenige Pilze angewöhnt. Von den insgesamt knapp 149 000 bekannten Pilzarten bessern nur 150 ihren Stoffwechsel mit Nematoden auf – und gerade einmal zehn, die einen für Laien als Pilz erkennbaren Fruchtkörper ausbilden, darunter eben der Austernseitling. In freier Wildbahn wächst er an vermodernden Bäumen. Deren Gewebe enthält aber meist nur wenig Stickstoff, weswegen die Pilze sich zu­sätzlich Wurmproteine besorgen.

          Wie sie das machen, das hat jetzt eine Forschergruppe aus Taiwan und Japan in einer in Science Advances veröffentlichten Arbeit herausgefunden. Bekannt war, dass Austernseitlinge die praktisch überall vorkommenden Nematoden – ein Spaten Erde enthält gut eine Million dieser Tiere – offenbar durch ein hochwirksames Gift lähmen und töten, das sie in ihren fadenförmigen Hyphen bilden. Es war bislang allerdings unklar, um was für einen Stoff es sich dabei handelt. Die Autoren der genannten Studie haben nun entdeckt, dass Strukturen an den Hyphen, sogenannte Toxocysten, die unter dem Mikroskop aussehen wie kleine Dauerlutscher, eine vergleichsweise einfache Chemikalie enthalten, das 3-Octanon aus der Stoffgruppe der Ketone. Für Nematoden ist diese leichtflüchtige Verbindung ein fieses Zellgift, wie die Forscher zeigen konnten.

          Für Menschen allerdings ist 3-Octanon nicht nur ungiftig – zumindest in den in den Pilzen enthaltenen Mengen –, sondern auch wohlriechend, man findet es beispielsweise in Lavendel, Rosmarin oder Nektarinen. Ob der Stoff auch am Aroma gebratener Austernpilze mitwirkt, muss wohl erst noch erforscht werden. Träfe dies zu, hätte sich das 3-Octanon gleich in doppelter Weise als Selektionsvorteil erwiesen: Nach Kulturchampignons und Shiitakepilzen stehen Austernseitlinge heute an dritter Stelle der menschlichen Weltpilzproduktion.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zwei der Angeklagten mit ihren Verteidigern im Dresdener Juwelenraub-Prozess

          Prozess um Juwelenraub : Keinen Deal um jeden Preis

          Wandelt sich der Prozess um den Diebstahl aus dem Grünen Gewölbe zum Basar? Das Gericht sollte auf seinen Forderungen bestehen oder die Abmachungen mit den Angeklagten aufkündigen.
          Vorstandschef Mark Zuckerberg will bei Meta die Kosten reduzieren.

          Facebook-Mutterkonzern : Meta macht wieder etwas Hoffnung

          Der Internetkonzern erleidet einen weiteren Umsatzrückgang – schneidet aber besser als erwartet ab. Vorstandschef Mark Zuckerberg ruft ein „Jahr der Effizienz“ aus. Aber er akzeptiert weiter Milliardenverluste mit dem Metaversum.
          Polizisten in Wien bewachen den Prozess gegen mutmaßliche Unterstützer des Attentäters.

          Attentat in Wien : Lange Haftstrafen für Terror-Helfer

          Der Attentäter, der im November 2020 in Wien vier Menschen tötete, wurde noch in der Nacht des Anschlags von der Polizei erschossen. Nun wurden vier seiner Helfer zur Rechenschaft gezogen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.